Digitalisierung – sehr gesund!

2. Oktober 2018 - Ralf Hildebrandt

Werte Leserinnen und Leser, 

regelmäßiger Konsum von Knoblauch galt lange Zeit als probates Mittel, um allerlei Zipperlein vorzubeugen. 

Wenn ein Unternehmen heute nicht in Schwierigkeiten geraten will, scheint es auf das Unternehmen selbst kaum anzukommen. Hauptsache, es wird ordentlich digitalisiert. Der Rest wird dann schon: Nimm´ 3 x 1 Digitalisierung (morgens, mittags, abends) und dein Unternehmen bleibt gesund. 

Digitalisierung ist auch das Titelthema der Septemberausgabe des Kundenmagazins der Tina Voß GmbH. Im Interview zieht Dr. Wohland dort nicht nur die Parallele zur patenten Gesundheitsvorsorge seiner Oma. 

Wir veröffentlichen den Text mit freundlicher Genehmigung gerne in unserem Blog:

DIGITALISIERUNG KANN AUCH NUR KNOBLAUCH SEIN

Das Bundeswirtschaftsministerium erklärt die Digitalisierung zur Pflichtaufgabe „auch für Mittelständler“. Digitalisierung ist „Revolution“ und „Zeitalter“ zugleich. Die Ansicht, dass man bei diesem Megatrend auf gar keinen Fall den Anschluss verpassen dürfe, ist in der Wirtschaft Konsens. Also wird alles digitalisiert. Weil alle alles digitalisieren. Aber: „Was ist Digitalisierung?“, fragt Dr. Gerhard Wohland, langjähriger Unternehmensberater. Der Mann kennt sich mit Fragen aus. Und er liefert überraschende Antworten. Am Anfang eines langen Gesprächs mit Gerhard Wohland steht diese grundsätzliche Frage, gestellt von ihm selbst: „Was ist Digitalisierung“? Der promovierte Physiker ist im Hauptberuf Fragensteller. Einen „lernenden Berater“ nennt er sich, einen Firmenbegleiter, „der sich beim Irren beobachten lässt“. Aber Gerhard Wohland fragt nicht nur, er gibt auch Antworten, unbequeme Einsichten inklusive. Zum Beispiel zur Digitalisierung.

DIGITALISIERUNG IST RATIONALISIERUNG

Digitalisierung ist für Wohland nichts anderes als Rationalisierung durch Computertechnik, eine Bemühung, so alt wie der Computer. Schon immer setzten Produzenten neue Techniken ein, um ihre Produktivität zu erhöhen. Das habe schon mit dem Faustkeil angefangen, der erste Schritt, um menschliche Beschränkungen zu überwinden. Es folgten unterschiedliche Phasen der Rationalisierung: die Dampfmaschine, deren Einsatz das Industriezeitalter einläutete, später dann der Computer, der die vom Gehirn gesetzten Grenzen erweiterte. Digitalisierung – also nur ein anderes Wort für das Bestreben der Menschen nach höherer Wirksamkeit? Ein anderes Wort für das stete Bemühen nach einem verbesserten Wirkungsgrad? Ja, sagt Gerhard Wohland. Neu sei lediglich der Name. Digitalisierung ist für den 71-Jährigen ein Marketingbegriff, ein Modewort. Hard- und Software entwickelten sich schneller, als sie verstanden werden könnten. In Unternehmen entstehe die Befürchtung, den Anschluss zu verlieren. Diese Furcht werde von Beratern und Herstellern genutzt – ein sehr lukratives Geschäftsmodell, vermutet Wohland.

DIGITALISIERUNG IST NICHT ZWINGEND DIE LÖSUNG

Er ist überzeugt, dass Digitalisierung nicht alle Probleme eines Unternehmens lösen kann. Wohlands Kritik richtet sich gegen den Begriff der Digitalisierung und dessen Verwendung, nicht gegen Rationalisierung. Diese betrachtet er als notwendig und richtig. Er selbst hat acht Jahre als Software-Ingenieur gearbeitet. Seine Erkenntnis: Viele Kunden bekamen mit seiner Software mehr Probleme als ohne. Digitalisierung ist nicht die Universallösung für alle Probleme eines Unternehmens, auch wenn es oft so dargestellt werde, behauptet der Unternehmensberater. Womit wir beim Knoblauch seiner Oma wären. Gerhard Wohland vergleicht die Kampagne zur Digitalisierung mit „dem Knoblauchrat meiner Oma“. Die habe die Gesundheitsvorsorge in ihrer Familie mit Knoblauch organisiert. Motto: Esst viel Knoblauch, dann bleibt ihr gesund. Wenn alle gesund blieben, lag’s am Knoblauch. Wer krank wurde, hatte einfach zu wenig Knoblauch gegessen. Mit der Digitalisierung verhalte es sich ähnlich. Neues EDV-System installiert, Umsatz gesteigert – Digitalisierung wirkt. Vielleicht ist der Umsatz nicht wegen der neuen Software gestiegen, sondern weil Mitarbeiter mit klugen Ideen das Geschäft befördert haben. Existiert eine Kausalität, also ein Wirkzusammenhang zwischen Digitalisierung und langfristigem Unternehmenserfolg? Gerhard Wohland würde das nicht gänzlich ausschließen wollen. Er sagt aber auch, dass sich wirklich leistungsfähige Firmen weniger um Digitalisierung kümmern. Sie kümmerten sich ums Geschäft und beurteilen daraus die Nützlichkeit neuer Technik.

„WIR BRAUCHEN WIEDER IDEEN!“

Es sind die talentierten Könner in den Unternehmen, auf die Gerhard Wohland aufmerksam machen möchte. Für die Besten unter ihnen benutzt er den Begriff „Meister“. Unternehmen, die sich der Bedeutung dieser „Meister“ bewusst sind, können sich „robust gegen die Dynamik des Marktes“ verhalten – sie sind in dieser Terminologie „dynamikrobuste Höchstleister“. Wenn Problem und Talent zueinander passen, seien talentierte Könner in der Lage, auch überraschende, also neue Probleme zu bearbeiten. Um diesen Ansatz zu verstehen, nimmt Wohland seine Gesprächspartner mit auf eine kleine Reise durch die Zeit. Früher, in der Zeit der Manufakturen, sei individuelles Talent gefragt und gefördert worden, weil es ein Wettbewerbsvorteil gewesen sei.  Dynamikrobuste Höchstleistung ist also nicht neu. In der Phase der Industrialisierung reagierten die Unternehmen auf die damals neuen großen Weltmärkte. Sie steigerten ihre Produktivität vor allem durch neue, strenge Arbeitsprozesse. Menschliche Kreativität und Mitdenken waren weniger gefragt als die fehlerfreie Wiederholung dieser Prozesse. Diese als Taylorismus bezeichnete Arbeitsorganisation funktionierte fast 100 Jahre ganz wunderbar, auch weil eine zunehmend organisierte Arbeiterschaft die inhumanen Wirkungen abmilderte. In dieser Zeit bestand die Rationalisierung fast nur aus technischen Innovationen – neue Maschinen, Industrieroboter, Computer, Software. Das Problem: Seit ungefähr 30 Jahren funktioniert dies immer weniger. Der Grund: Globalisierung, die Wirtschaft ist wieder dynamischer geworden. Wohland: „Das neue Problem war die erneute Verengung der Märkte und die dadurch wieder ansteigende Dynamik. Wachsende Dynamik, also mehr überraschende Ereignisse, lassen sich mit technischen Mitteln nicht bewältigen. Deswegen braucht es wieder menschliche Talente in der Produktion.“ Die Reintegration der menschlichen Fähigkeiten in die Wertschöpfung ist für Gerhard Wohland das größte Problem der aktuellen Wirtschaft: „Die Wirtschaft ist wieder dynamisch. Die Produktion braucht wieder jeden Tag Ideen!“

WER-DENKER GESUCHT

„Die alltäglichen problemlösenden Ideen der vielen talentierten Könner“, sie sind nach Überzeugung Wohlands das entscheidende Konkurrenzmittel der Zukunft. Dieses Potential durch passende Probleme zu provozieren und zu fördern, sei heute eine wichtige Aufgabe fürs Management. Dort, wo diese Erkenntnis genutzt wird, entstehe hohe Konkurrenzkraft. Bei Problemen sei aus alter Gewohnheit immer noch die meistgestellte Frage „Wie“. Wie kommen wir aus der Krise? Wohland sagt, er kenne viele Beispiele von Firmen, die bei der Wie-Frage bis heute steckengeblieben seien. Eigentlich müsse man aber nach dem „Wer“ fragen. Wer kann unser Problem lösen? Toyota sei mit seiner Meister-Kultur ein schönes Beispiel für diese Art der Talentorientierung. Dass dieses Umdenken hin zu personalisierten Lösungsansätzen mit Schwierigkeiten verbunden ist, verhehlt Gerhard Wohland nicht. Ausnahmekönner seien in ihren Firmen häufig Fremdkörper, die in klassischen Organisationen störende Regeln ignorieren, sich eine eigene, dynamikrobuste Arbeitswelt schaffen würden, sogenannte „Höchstleistungsinseln“. Selbst in maroden Strukturen existierten diese Höchstleistungsinseln, hat Wohland beobachtet. Man müsse sie nur finden und fördern, statt sie zu entsorgen, wie es in konservativen Organisationen geschehe. Das Potential sei in den meisten Unternehmen bereits reichlich vorhanden. „Wenn Manager zu Wer-Denkern werden und die immer vorhandenen Talente schnell genug entdecken, ist ihr Unternehmen meist weit vorne – wie jede Technik kann auch passende Software dabei helfen.“

DAS RISIKO DER WAHRHEIT

Wenn Gerhard Wohland Unternehmer oder Manager beraten soll, dann setzt er auf Analytik gepaart mit Intuition – Kopf und Bauch. Sein Ziel: Falsch formulierte Probleme – „Wir brauchen Digitalisierung!“ – zu entsorgen und durch tatsächliche Probleme – „Wer fördert unsere Talente?“ – zu ersetzen. Dazu führt er „verkettete Gespräche“ mit Beschäftigen der Firma. „Ich versuche zu erfühlen, was hinter ihrer individuellen Verschiedenheit an gemeinsamer Kultur steckt“, erklärt Wohland seine Technik. Der 71-Jährige benutzt das Bild von einer Vorderbühne und einer Hinterbühne. Die Vorderbühne bildet das Gesagte, Offensichtliche. „Die Hinterbühne beherbergt die Wertekultur einer Organisation, den Kern. Mit den Gesprächen schleiche ich mich dort hin.“ In der Regel sei er, unabhängig von der Größe des Unternehmens, nach zwölf Gesprächen auf der Hinterbühne angekommen, sagt Wohland. Nach zwölf Einheiten kämen keine neuen Erkenntnisse hinzu. Am Ende seien die entscheidenden Antworten häufig die, nach denen er gar nicht hätte fragen können. Bei der Bewertung verlasse er sich auf sein Gefühl, was zunächst wenig wissenschaftlich und willkürlich klinge, aber nach seiner Erfahrung durchaus nützlich sei. Den Schluss seiner beratenden Begleitung bildet das Gruppengespräch, Gerhard Wohland benennt die tatsächlichen Probleme. Ob er immer richtig gelegen habe? Nein, aber mit zunehmendem Alter liege er immer häufiger weniger falsch. Trotzdem: „In diesem Moment des Abschlussgespräches muss ich dann das Risiko der Wahrheit übernehmen.“

Bis übernächste Woche!

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