Eine Frage des Charakters – zweiter Teil

25. November 2016 - Ralf Hildebrandt

Vor drei Wochen haben wir uns im ersten Teil damit auseinandergesetzt, die Vernunft hinter der offensichtlich sinnlosen Forderung nach „Charakter“ zu entdecken. Vielleicht wollen Sie noch einmal kurz nachlesen. Mit der systemtheoretischen Brille haben wir die Perspektive von den anwesenden Managern auf den „dritten Mann im Raum“ – das Sozialsystem – lenken können. Wir haben beispielhaft erläutert, dass es für das System Kantinengespräch* überhaupt kein Problem ist, klugen Managern sinnlose Worthülsen anzubieten. Hauptsache es setzt sich fort.

Nun haben wir einige Mails erhalten, die darauf schließen lassen, dass Sie noch immer nicht genug haben… also legen wir heute noch einen drauf: 

  • Menschen können sich nur wahrnehmen. Die Bedeutung eines Geräuschs wie „der hat keinen Charakter“ stellen sie selbst im Hirn her. Information entsteht im eigenen Kopf – sie wird nicht verschickt oder ausgetauscht.
  • Damit eine „Charakterfragen-Kommunikation“ überhaupt laufen kann, muss vorher schon viel Kommunikation stattgefunden haben. In deren Lauf hat es sich ergeben, dass man Charakter einfordern kann. Besser: dass man das ohne Gefahr sagen kann.  
  • Wenn das so für Sie aushaltbar war, müssen Sie nun daraus schließen, dass da gar nicht Menschen miteinander kommuniziert haben. Das stimmt.
  • Kommunikation ist die Operation des Sozialsystems – einem Wort folgt das nächste. Die „Charakterfrage“ steht im Raum und jeder weiß fix etwas zu äußern. Und schon hat das System von den Anwesenden eingebaut, was es benötigt. Ohne die Manager läuft das Ding also nicht – aber sie haben nicht das Skript für das Gespräch geschrieben. Sie gehören zur Umgebung des Systems. 

Wenn Sie sich nun immer noch für einen zeitgemäßen Blick auf Organisation interessieren, nehmen Sie einen letzten Schluck aus der Pulle:
eine Organisation besteht damit nur aus Kommunikation – aus sonst nichts. 
Hoffentlich war das nun nicht zuviel des Guten!

Tired businesswoman in the office

Jede Organisation (das ist ein Sozialsystem mit Adresse – da, wo die Post ankommt) hält für ihre Kommunikation einen Vorrat an Bedeutungen vor, der sofort nutzbar ist. Etwa die Konnotation, dass man seinen Charakter natürlich in der Hand hat. Welchen Charakter man hat, kann man bestimmen. Und wenn jemand einen windigen Charakter hat, dann ist er eben so. Das ist Moral. Ein Schlupfloch, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Kein Charakter kann man wohl nicht sagen – Nullcharaktere gibt es nicht. Irgendeinen Charakter hat man schon. Also ist „kein Charakter“ die Abkürzung für keinen guten Charakter. Und wenn jemand keinen Charakter hat, darf man ihn verurteilen. Das ist eben kein guter Charakter, den kann man nur noch entsorgen. Der ist nichts wert – jede Mühe vergeblich. So was kann man sagen. Das liefert einem ein Sozialsystem an. Und alle zusammen sitzen in der (Denk)-Falle. 

Nebenbei – das Werkeln am Charakter ist populär. Das ist verständlich. Denn noch ist die klassische Organisationsentwicklung weit verbreitet. Und die geht davon aus, dass die Organisation aus Menschen besteht (vs. Aussage oben). Es heißt nur anders: Mindset Change, Empowerment, Haltungsentwicklung.

Bis nächste Woche!

*Die Systemtheoretiker unter Ihnen mögen die begrifflichen Schludereien bitte im Sinne größerer Anschlussfähigkeit verzeihen.

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