Kein Ziel ist auch keine Option

20. April 2017 - Ralf Hildebrandt

Letztens waren wir bei einem jungen Unternehmen zu Besuch, werte Leserinnen und Leser.

Kein Startup mehr, aber auch noch nicht vom Wachstum in eine zentral-periphere Struktur zerlegt. Auf der Suche nach Leistungselementen der kulturellen Hinterbühne lugten wir durch die Schlüssellöcher, die man uns bot. Unter anderem forschten wir auch nach der Existenz interner Referenzen – etwa nach Zielen. Die junge Leiterin des Sales-Backoffice lachte ein wenig verlegen, als das Thema aufkam. „Nein – sowas haben wir nicht? Ziele – hm. Wozu?“ Wir legten nach: „Große Unternehmen haben Ziele – warum sie nicht? Dann wären sie vielleicht noch erfolgreicher!“ Sie zuckte mit den Schultern. 

Ein paar Tage später, in einem deutlich größeren Unternehmen mit beeindruckender Historie erzählten wir davon – selbstverständlich anonymisiert! Die Reaktion: „Die haben keine Ziele? Wirklich? Interessant – das wäre hier undenkbar.“ Wir legten nach: „Wenn die keine haben – warum sie? Ohne Ziele wären sie vielleicht noch erfolgreicher!“ Schulterzucken.

Sie merken schon, worauf es hinausläuft.

Ziele sind weder gut noch schlecht. Bemerkenswert in beiden Fällen war, dass man sich nicht aufs Glatteis führen ließ. Man war den dahergelaufenen Beratern gegenüber widerständig und gab zu Bedenken, dass es vielleicht auch einen vernünftigen Grund dafür gäbe, Ziele zu haben. Oder darauf zu verzichten. Da konnten wir nur zustimmen. 

In der sich anschließenden Diskussion stellten sich einige Fragen. Ich habe eine Handvoll davon für Sie mitnotiert. Im Original:

  • Ich mein´ im Moment können wir uns das gar nicht vorstellen – aber kann es sein, dass wir irgendwann Ziele bekommen?
  • Der Sinn eines Unternehmens ist doch, Umsatz zu machen. Ist das das oberste Ziel?
  • Was nehmen wir, wenn Ziele nicht sinnvoll sind? Unsere Strategie?
  • Gibt es denn nicht ein übergeordnetes Ziel für jedes Unternehmen? Wir sind doch im selben Spiel? Überleben – ist es das?
  • Ziele stören oft – stimmt. Aber ohne geht Schlagkraft verloren – dann macht jeder nur noch, was er will? Oder wie?

Solche Fragen tauchen oft auf, wenn der Zuckerguss von Selbstverständlichkeiten weggelutscht wird. Im Übrigen ganz unabhängig von der Hierachiestufe. Auch, wenn es sich bei einem Leiter einer Business Unit mit 270 Mio. € Umsatz etwas anders anhören mag.

Als externer Beobachter kann man sich in einer solchen Situation als nützlich erweisen, wenn man vor der Suche nach Antworten eine begriffliche Einordnung empfiehlt: 

  • Ziele sind Hoffnungen auf zukünftige Zustände, die durch eigene Aktivitäten erreicht werden sollen.
    Sie sind Verbrauchsmaterial und verschwinden, wenn sie erreicht sind. 
  • Ziele sind sinnvoll, wenn sie eine gewisse Zeit ohne Schaden gültig bleiben können. 
    Bei Dynamik müssen Ziele (öfters, ständig) überprüft werden – ohne Prüfung zeigen sie sonst in die falsche Richtung.
  • Ist der Aufwand für Ziele zu hoch, ersetzt man sie durch Optionen (wenig bekannt!).
    Optionen sind ein Vorrat an durchdachten (auch durchgerechneten) Möglichkeiten – ist eine davon erfolgreich, wird sie verstärkt verfolgt.
  • Das oberste Ziel eines jeden Unternehmens ist sein Zweck: der konkurrenzfähige Gewinn. 
    Im Gegensatz zum Ziel kann man sich den Zweck nicht aussuchen – man muss den Zweck auch nicht begründen. Der wird durch das Spiel (System Wirtschaft) gesetzt. 

Nur wenn die Dynamik gering ist, kann man den „konkurrenzfähigen Gewinn“ über eine bestimmte Dauer festnageln und in ein internes Ziel übersetzen. Kein Unternehmen geht gleich unter, wenn es über einen bestimmten Zeitraum einmal keinen Profit macht. Und wie hoch ein konkurrenzfähiger Gewinn sein muss, bestimmt nicht der Chef oder die Börse. Das bestimmt der Markt – sonst wären es Ziele. Und weil im Markt Bewegung ist, muss man dauernd nachsehen gehen.

Es kommt eben immer darauf an. Deshalb sollen begriffliche Einordungen auch nur als Denkwerkzeug verstanden werden und beim Nachdenken helfen. Damit man die Dinge auseinander halten kann. Und Ihre Ideen auf einen frisch gepflügten Acker fallen. 

A propos – haben Sie letztens etwas festgenagelt (außerhalb Ihrer eigenen vier Wände)? 

Bis übernächste Woche!

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