Missbrauch von Kollegialität

11. Januar 2018 - Ralf Hildebrandt

Werte Leserinnen und Leser, 

sind Sie vielleicht in einem jüngeren, leistungsfähigen Unternehmen beschäftigt, wo so richtig die Post abgeht? Dann fühlen Sie sich unter den Kollegen sicher pudel(es)wohl. Eine coole G´schicht jagt die nächste. Startup-Kultur: „Hey – Tom – wir müssen noch das Angebot für die Hampelmann KG fertig machen. Sollen wir uns ´mal bei einer Latte zusammensetzen und das diskutieren? Hey – Bea! Logo. Können wir gleich ´ran. Läuft.“ 

Besonders zu Beginn, wenn Unternehmen noch nicht alt sind, ist Kollegialität (nennt man heute sicher anders) lebenswichtig. Man ist hoch-innovativ. Alles, was man macht, ist mehr oder weniger neu. Alles muss irgendwie erst einmal erfunden werden. Kollegialität ist der Kern des Unternehmens.

Ganz besonders gilt das, wenn man es von Beginn an mit einem hochdynamischen Markt zu tun hat. Wenn man miterleben kann, dass man mit allem Unerwartetem fertig wird und erfährt, dass es nichts gibt, was man nicht lösen könnte, stabilisiert das den Zusammenhalt weiter. 

Und weil es eben ein paar Jahre so gut läuft und man ein (Kunden)-Problem nach dem anderen löst, wächst das Unternehmen. Es wandelt sich vom Tisch zur Tafel. Das heißt, es geschehen auch viele Dinge, die keine Kollegialität benötigen. Es wiederholt sich so einiges. 

Wenn man diese Dinge dann auch (aus Gewohnheit) mittels Kollegialität behandelt und löst bzw. bearbeitet, wird es teuer. Nicht sofort, aber Scheibchen für Scheibchen. Jetzt wäre es gut, wenn zur knuffigen Kollegialität ein wenig wirtschaftliche Einsicht hinzu käme. In dem Sinne, dass man einsichtig ist, dass man die Art und Weise wie man miteinander umgeht, nicht nur auf menschlicher Sympathie aufbaut. Denn das ist gefährlich. 

Es wäre hilfreich, das Unternehmen ständig daraufhin abzusuchen, was man formalisieren oder sogar automatisieren kann („das da machen wir jetzt immer gleich“). Denn überall dort, wo das gelingt, reduziert man die Kosten um 90%. Oder mehr.

Die- oder derjenige, die sich einen solchen Job einhandeln, müssen wissen, dass ein solches Vorgehen zwar eindeutig im Interesse aller Beteiligten liegt. Niemand hat etwas von einer kollegialen Pleite. Das subjektive Bedürfnis der allermeisten Start-Upper diesem objektiv gegebenem Interesse allerdings meilenweit hinterher hinkt. Es macht ihnen ein ganz mulmiges Gefühl. Regeln? Pfui. Das sind wir nicht.

Das Bedürfnis nach Nestwärme ist naheliegend. Bisher ist man ja bestens damit gefahren, wenn man sich zusammengesetzt hat. Nur ist diese Gewohnheit, alles per Nestwärme zu regeln mit zunehmender Größe wirtschaftlich nicht mehr optimal. Menschlich fühlt man sich immer noch wohl. Aber wirtschaftlich wird es zum Problem, wenn alles durch ein „lass´ uns ´mal zusammensitzen“ gelöst wird.

Denn auch die Kollegialität, die dort zur Anwendung kommt, wo man sie gar nicht braucht, muss man finanzieren. Das kostet Geld. Und so kann es passieren, dass man sich das immer schwerer leisten kann. Und irgendwann gar nicht mehr.

Denn die Arbeit muss ja gemacht werden. Wenn man das Rad ständig neu erfindet, weil man es nicht benutzt, obwohl man es schon hat. Das reduziert die Arbeitsproduktivität doch sehr, wenn man Räder neu erfindet, die schon abfahrbereit in der Ecke stehen. 

Ein sehr erfolgreicher Unternehmer hat kürzlich gemeint, vielleicht müsse er in Zukunft auch das Finden fördern. Und nicht nur das Erfinden. Kluger Mann. 

Bis übernächste Woche!

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