Wann ist Wirtschaft?

24. März 2017 - Ralf Hildebrandt

Die (Verkehrs)-Fliegerei bietet viele Parallelen zur modernen Organisationsentwicklung. Ab und zu werde ich ermuntert, wieder einmal eine dynamikrobuste Fliegergeschichte zum besten zu geben, werte Leserinnen und Leser. Bitte sehr.

Nehmen wir einmal an, Sie stehen in Frankfurt am Dispatch für einen Flug nach Hong Kong und gehen die Sprit-Zahlen durch. Im Flugplan ist aufgeführt, was man für den Flug benötigt – aufgegliedert in die Steigphase, den Reiseflug, den Anflug. Nennt sich „Trip Fuel“. Natürlich finden sie auch, was man für den Rollweg zur und von der Startbahn benötigt – „Taxi Fuel“. Erwarten Sie in Hong Kong einen Stau im Anflug, weil es sehr windig ist und die Anflugstaffelung von den Controllern vergrößert werden muss? Dann nehmen Sie sicher noch einen extra Schluck Kerosin mit. Etwa eine halbe Stunde? Dann wären das 5.000-6.000kg. Für einen Jumbo zumindest. Das nennt sich dann auch passenderweise „Extra Fuel“.

Es gibt dann aber auch noch einen Posten, der nennt sich „Contingency Fuel“. Das ist ein kleinerer Prozentsatz des Trip Fuels – ca. 3-5% (es gibt Ausnahmen, für die Spezialisten unter Ihnen). Wofür ist der gut? Salopp gesagt für alles und nichts. Denn eigentlich braucht man ihn nicht. Eigentlich. Aber falls dann doch einmal der Wind nicht wie geplant sein sollte… oder man nicht auf eine bestimmte Höhe kommt… oder man nicht die Machzahl fliegen kann, die man möchte… dann schon. Aber eigentlich – nicht. Zumindest meistens. Aha.

Kurzum: das ist eine Menge Kerosin, die man vielleicht benötigt. Oder vielleicht auch nicht. Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist, noch unmöglich ist. Was also so, wie es ist, sein kann. Oder auch anders möglich ist (sinngemäß nach Luhmann). 

In der Fliegerei ist der Begriff allgegenwärtig. Beim Nachdenken über die Entwicklung des eigenen Geschäfts, des eigenen Unternehmens hingegen, kommt er praktisch nie vor. Er ist unbekannt. Denkt eine Gruppe über neues Geschäft nach, so liegt klammheimlich immer ein eindimensionales Verhältnis zum Kunden zugrunde:

  • was können wir dem Kunden anbieten?
  • was wird er wohl dafür bezahlen?
  • was kostet uns die Herstellung? 
  • was wollen wir dafür verlangen?
  • kann unser Vertrieb den Preis durchsetzen?

Man geht davon aus, dass ein quasi-privates Verhältnis zwischen „dem Kunden“ und dem eigenen Unternehmen besteht. Den Verdacht legen zumindest die o.g. typischen Fragen nahe. Man sieht nur 2 Akteure: was zwischen dem Kunden und uns passiert, ist das, was wir als Verhandlungsergebnis (unter uns) erhalten.

Das kann man so sehen. Nur hat das heute mit Wirtschaft nichts mehr zu tun. Man arbeitet mit einer überholten Denkbasis. 

Denn heute haben sowohl Kunde als auch Lieferant Alternativen. Zahlt ein Kunde nicht, ist er längst einer gewesen und der Lieferant wendet sich anderen Kunden zu. Stimmt die Qualität des Produktes nicht, kann ein Kunde einen anderen Lieferanten wählen. Falls er ggf. einen höheren Preis zahlt. Die Qualität der Schnittstelle Kunde / Lieferant wird also nicht durch ein besonders hohes Maß an sogenannter „Kundenorientierung“ hergestellt. Sondern dadurch, dass beide Parteien im Konfliktfall (!) Alternativen haben. Nicht nur theoretisch (wie oben) – sondern auch tatsächlich. Man kann es ausprobieren. Der Clou dabei ist, dass beide voneinander wissen, dass sie könnten. Erst jetzt ist „Wirtschaft“.

Und nur so entstehen Preise im System Wirtschaft. Der Tausch von Leistungen (das ist die „Operation“ des Systems Wirtschaft) löst sich durch „doppelte Kontingenz“ von den Akteuren ab. Preise hat niemand „gemacht“ (auf Dauer). Sie organisieren sich selbst. Man kann sie nur feststellen. Oder darüber jammern. Ändern kann man sie nicht (auf Dauer). 

Was sich da vom konkreten Tun der Menschen abgelöst hat, nennt man ein soziales System. Die Art, wie Leistungen auf Basis der Operation der doppelten Kontingenz erzwungen werden, „erzeugt“ (das Sozialsystem) Wirtschaft. 

Dr. Wohland erklärt das auf unserer Ressourcenseite im kurzweiligen Video.

Wenn Sie in Zukunft in eine Diskussion um höhere Umsätze und neue Geschäftsmodelle geraten sollten und Sie haben das Gefühl dass da etwas fehlt, erinnern Sie sich vielleicht an eine kleine Geschichte aus der Fliegerei. Und haken dann wie im Video dargestellt ein. 

Bis übernächste Woche!

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