Die Moralfalle

8. Mai 2026 - Ralf Hildebrandt

Liebe Leserinnen, werte Leser, 

im Denkangebot vom 17.4. hatte ich mit einer kleinen Geschichte von sozialen Systemen berichtet – im Schnelldurchlauf: Die Operation eines sozialen Systems, wie  beispielsweise einem vom Typ „Gespräch unter Kollegen“, ist Kommunikation. Auch Unternehmen sind soziale Systeme, nämlich Organisationen, sie operieren (oder organisieren) Kommunikationen über Entscheidungen (über Wertschöpfung). Menschen, ganz gleich ob im Gespräch befindliche Kollegen, oder die Beschäftigten eines Unternehmens (die Mitglieder einer Organisation), gehören nicht zum System, sie gehören zur Umgebung.

Von der Existenz sozialer Systeme zu wissen, und Systeme und Menschen zu unterscheiden, ist im Kontext dynamikrobuster Organisationsentwicklung unverzichtbar, vor allem, um die Ursache von Dynamikproblemen nicht irgendwelchen Menschen zuzurechnen (statt Dynamik), und dabei aus Versehen in die Moralfalle zu tappen. 

Denn die steht stets bereit: Ohne Kenntnis von Systemen wird dann einfach davon ausgegangen, dass Organisationen, auch die von Unternehmen, aus Menschen bestünden, die sich richtig oder falsch verhalten. Verhalten sie sich richtig, werden sie belohnt, mit einem Gehalt, zum Beispiel. Verhalten sie sich falsch, macht das der Organisation Probleme, für deren Beseitigung grundsätzlich zwei Lösungen zur Verfügung stehen – Lösung 1: Schu-Schu (Schulungen für Schuldige), oder Lösung 2: ABS (Argument/Belohnung/Strafe).

Sich die Probleme der Welt, auch die der eigenen Organisation, aus dem Fehlverhalten von Personen zu erklären, also mittels Schuld, ist Moral.

Gerhard Wohland definiert Moral als „kommunikative Setzung“ über das (Verhalten), was sich gehört und was nicht. Oder anders: Moral ist eine kommunikative Setzung über das Sollen – wenn alle nur tun würden, was sie sollten, wäre die Welt in Ordnung. Auch wenn die Welt tatsächlich nie „in Ordnung“ ist, weil sie sich bewegt und überraschend verändert, oder gerade deshalb, weil sie nicht in Ordnung, sondern komplex ist, kann auf Moral kann nicht verzichtet werden.

Moral ist lebenswichtig,

Moral reduziert Komplexität und stabilisiert Kommunikation, auch die von Organisationen.

Wenn die Ursache von Problemen allerdings nicht irgendwelche Menschen sind, sondern die Systeme und deren Strukturen, wie zum Beispiel die für Dynamik ungeeigneten Organisationsstrukturen vieler Unternehmen, dann behindert Moral das Verstehen, weil sie Erkenntnis (über Systeme und deren Probleme) blockiert:

Auf dem Weg zur dynamikrobusten Organisation ist die Moralfalle für viele Unternehmen deshalb das größte Hindernis,

denn sie ist stets bereit, zuzuschnappen. Besonders dann, wenn, oder weil man nicht mehr weiter weiß, und Schuldzuweisungen die Suche nach Erkenntnis vorzeitig beenden.   

Bis übernächste Woche!

 

 

 

 

 

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