Folien machen einsam

28. April 2015 - Ralf Hildebrandt

Ein (klassischer) Unternehmensberater hat uns einmal gesagt, dass nur Anfänger auf die neueste Ausgabe eines Folienpaketes “Version 1.3” schreiben. Wenn nicht mindestens 3.1 darauf steht, sieht das nicht wirklich nach fertiger Arbeit aus. Und ein Kunde hat uns vom “Blablameter” berichtet – ein Algorithmus, der ausrechnet, wie viel Bullshitbingo in den Folien seiner Abteilung (oder der anderer) steckt. Das ist amüsant. 

Aber warum ist es recht unpopulär, Texte zu schreiben? Dauert das zu lange? Hat man keine Zeit, zu lesen?
Anwälte z.B. verfassen Texte. Verträge in Form von Bullet Points sind undenkbar. Warum? 
Und es gibt Unternehmen, die haben Powerpoint verboten. Das muss nicht helfen. Ist aber vielleicht ein Hinweis.

Was ist die Ursache hinter Stapeln von 264 Folien, die vielleicht eine Restrukturierung oder ein Change-Management-Projekt dokumentieren sollen? 

Wenn man Interesse an Erkenntnis hat und der Notwendigkeit ausgesetzt ist, zu lernen oder klüger zu werden, muss man sich kritisierbar machen. Das geht nur, wenn ein anderer mich versteht. Weil er mich versteht, kann er mich kritisieren und mich auf Lücken und Fehler hinweisen. Wenn ich das nicht mache, bleibe ich einsam. Dann muss ich mit dem auskommen, was ich mir selbst (alleine) ausdenken kann. 

Small cute girl sitting with toy bear

Gegen jemanden, der sich kritisierbar macht und nun eine ganze Korona von Leuten zur Verfügung hat, kann der Einzelne nichts ausrichten. Und schon ist es mit der Konkurrenzfähigkeit dahin. 

Folien gehören heute zum Geschäft. Eine Folie wird allerdings aus genau dem gegenteiligen Grund gemacht:
sie wird gemacht, damit man es schwerer hat den Autor zu kritisieren. Folien sind meist so flexibel zu interpretieren, dass man dem Fragenden leicht mangelnde Übersicht oder Detailverliebtheit vorwerfen könnte. Niemand will deshalb genauer wissen, was der Vorstand mit Ertragsstärke oder Konkurrenzkraft wohl meinen könnte. Das Risiko einer falschen Frage ist hoch.  Und damit bleibt eigentlich alles beim Alten. Obwohl man bei der Masse an Folien genau diesen Eindruck nicht bekommt. Und auch nicht bekommen soll.

Ein guter Text ist das zur Verfügung stellen von getaner Arbeit. Wenn die gut war, ist sie für den Leser einfach verstehbar. Bei Folien ist es meist andersherum. In der Erstellung einfach, in der Interpretation mühevoll. 

Im Original können Sie das hier in 4 Minuten nachhören: 

Oder hier als Transkript nachlesen:


Wenn es jetzt um bullet points oder Folien oder Text geht, ist für mich das Erstellen von Text das Erzeugen von Kritisierbarkeit. Wenn ich Interesse an Erkenntnis habe, wenn ich der Notwendigkeit ausgesetzt bin, zu lernen, klüger zu werden, dann geht das nur dadurch, dass ein anderer kommt und mich versteht und weil er mich versteht, mich kritisieren kann. Also auf Lücken, auf Fehler, auf sonstwas hinweisen kann. Wenn ich das nicht mache, wenn ich mich nicht kritisierbar mache, bin ich einsam. Dann muss ich mit dem auskommen, was ich selber habe.
Es ist nicht konkurrenzfähig, wenn ich einen Konkurrenten habe, der sich kritikfähig machen kann, der also seine ganze Korona von Leuten zur Verfügung hat, um besser zu werden. Gegen den kann ich nicht anstinken. Das Erstellen von Texten ist aus meiner Sicht im Grunde genommen nichts anderes, als diese Kritisierbarkeit zu erleichtern. Denn ein Text kann, wenn er ernst gemeint ist und nicht nur Geplapper, den kann einer nehmen, dann kann er nach Hause gehen und sich in Ruhe darüber hermachen und sich eine ganze Woche lang, wenn er will, überlegen: wo ist da der Fehler? Ist das so oder ist das anders? Und dann kommt er und weist darauf hin: „Hör mal zu – das kann nicht sein.“
Ich habe erste Erfahrungen gemacht, als ich konfrontiert wurde im Beratungsunternehmen: „Warum machst du keine Folien? Mach doch auch mal Folien, das gehört zum Geschäft.“ Da habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht: eine Folie wird gezeigt und da sind zum Beispiel lauter Kästchen drauf und Striche dazwischen. Und dann gibt es Folien, da sind zwischen den meisten Kästchen diese Striche, aber nicht zwischen allen, egal was in den Kästchen steht. Und du fragst dann: „Ist das ernst gemeint?“ Bedeutet die Tatsache, dass zwischen Kästchen Striche sind und zwischen anderen Kästchen keine Striche, bedeutet das was? Oder hat der nur vergessen, einen Strich zu machen, oder meint der was damit, dass da kein Strich ist. Dann ist eine ganz typische Aussage: „Denk dir nichts dabei, sonst kannst du Folien nicht aushalten, wenn du alles, was du da siehst, interpretieren willst. Das kostet nur Zeit, da werden wir ja nie fertig. Du musst das ein bisschen großzügiger nehmen.“ Das ist genau der Effekt. Dann ist der, der die Folie gemacht hat, nicht kritisierbar, denn im Grenzfall sagt er immer: „Naja, denk dir nichts dabei, schau aufs Wesentliche“ – was immer das sein soll. Und die Folie wird genau aus einem anderen Grund gemacht wie der Text: ich will mit einer Folie nicht meine Kritisierbarkeit steigern, sodass der andere es leichter hat, mich zu kritisieren, sondern ich will dafür sorgen, dass er es schwerer hat, dass egal was er sagt, ich kann es immer so hindrehen, dass es wieder passt.
Ein Beispiel sind ja auch die Zahlen-Jongleure. Bei mir ist es so, wenn ich dann so ein Spreadsheet an die Wand geschmissen kriege, ich sehe nichts. Aber es gibt Leute, die sehen was. Die sehen: die Zahl war doch gestern noch anders oder irgendwie sowas. Und ein Controller muss das natürlich drauf haben. Ein Controller muss die Zahlen nicht so machen, dass er kritisierbar wird und etwas besser machen kann, sondern dass er das, was er da zeigt, immer so interpretieren kann, dass der andere, der hinguckt, Unrecht hat oder eine falsche Frage gestellt hat oder was auch immer. Es geht nicht darum, einen Gegensatz zu machen zwischen Folie und Text, sondern zwischen Folie oder bullet points und gutem Text. Und da wird die Sache ganz schwierig. Guter Text heißt: der, der den Text macht, muss die Arbeit machen, nicht der, der den Text liest. Das heißt, ein guter Text ist das Zurverfügungstellen von gemachter Arbeit. Und deswegen, wenn die Arbeit, die ich mir gemacht habe, um etwas zu durchdenken, verstehbar ist, dann ist sie auch kritisierbar.

Vielen Dank für Ihr Interesse und bis nächste Woche! 

 

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Bildnachweis: iStock/52599782-Nomadsoul1

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