Offen und ehrlich, aber nur bedingt
22. Mai 2026 - Ralf Hildebrandt
Werte Leserinnen, liebe Leser,
vor 14 Tagen habe ich über Moral im Kontext dynamikrobuster Organisationsentwicklung geschrieben – kurze Rückblende: Moral ist eine kommunikative Setzung über das Sollen, beziehungsweise darüber, wie man sich im Sinne eines funktionierenden Miteinanders verhalten soll(te), natürlich auch in Unternehmen. Moral ist nützlich, sogar lebenswichtig, kann die Entwicklung einer Organisation aber auch behindern. Was vor zwei Wochen noch gefehlt hat, ist ein Beispiel. Das gibt´s heute:
Eddy ist ein junger Abteilungsleiter, aus dem noch etwas werden soll. Er weiß, dass sich eine gute Führungskraft moralisch korrekt (integer) verhält, und Integrität verlangt er auch von sich. Ehrlichkeit (ein durch Moral gesetzter Wert) steht für ihn dabei ganz oben. Als Forderung nach „offener und transparenter Kommunikation“ findet er die auch in den Unternehmenswerten (den Corporate Values) seiner Company wieder, die er als Führungskraft eigentlich vorleben sollte… Und jetzt sitzt er im monatlichen Statusmeeting seiner Bereichsleiterin und verschweigt, dass seine Leute die letzten Wochen an etwas ganz anderem gearbeitet haben, als an dem, was seine Chefin gerade eben als oberste Priorität ausgegeben hat. Sie meint, dass es gerade jetzt, in angespannter Marktlage, ganz besonders darauf ankommt, dass alle an einem Strang ziehen, und bittet daher jeden in der Runde um sein volles „Committment“…
Eddy fühlt sich wie das sündige Elend. Was soll er seinen Leuten sagen, die so viel Energie in die neue Kundenlösung gesteckt haben? Die kann er doch nicht enttäuschen. Sollen sie einfach heimlich daran weiterarbeiten, und er seine Chefin dann vor vollendete Tatsachen stellen? Und ihr hier im Meeting gleichzeitig volles Committment zusichern? Wie soll er sich verhalten? Er verlangt von sich, aufrichtig zu sein, weil er weiß, dass Werte wichtig sind (die richtigen), und Werte auch gelebt werden müssen. Das hat er im Leadership Workshop gelernt, und wenn er im Leben erfolgreich sein will, dann steht er auch dazu. Und jetzt macht er gleich am Anfang seiner Karriere die Erfahrung, dass er genau das nicht hinbekommt – schwach!

Was Eddy nun, statt Moral, weiterhelfen könnte, ist Erkenntnis. Nämlich die (systemtheoretische) Erkenntnis, dass Unternehmen nicht aus Menschen bestehen, die sich richtig oder falsch verhalten, sondern soziale Systeme sind, die, wie jedes kommunikative System, nur einen ganz kleinen Teil dessen, was in einem Bewusstsein vor sich geht, in ihrer Kommunikation berücksichtigen können. Wenn man in einem Meeting aufrichtig wäre, und alles offen und ehrlich sagen würde, flögen einem die meisten Meetings um die Ohren, zumindest die, in denen es um etwas geht. Im Gegensatz zu dem, was einem in Werte-Workshops gerne erzählt wird, und was man dann von sich verlangt, verhält es sich genaugenommen also umgekehrt:
Gerade weil man nicht offen und ehrlich ist (und man in einem Meeting nicht alles sagen kann, was einem gerade im Kopf herumgeht), kann Kommunikation überhaupt stattfinden.
Aufrichtigkeit von sich zu verlangen (im Sinne von rechtmäßigem Verhalten), ist deshalb nicht falsch, natürlich nicht. Wie gesagt, Moral ist lebenswichtig, sie hält die Gesellschaft zusammen. Man muss aber eben auch wissen, wo die Forderung nach Aufrichtigkeit, auch selbst auferlegte, eher schadet als nützt. Wenn es an dieser Erkenntnis mangelt, läuft man Gefahr, sich die Probleme der Welt, auch eigene, durch Fehlverhalten, also mittels Schuld zu erklären. Und jemand, der sich schuldig fühlt (zu Unrecht versteht sich), ist in seinem Denken immer eingeschränkt. Oder umgekehrt:
Man wird nicht klüger, wenn man sich (und andere) beschuldigt,
weil Moral zwar wichtig, aber kein Erkenntnismittel ist (die Moralfalle von vorletzter Woche).
Bis übernächste Woche!
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