Talent an Bord

31. Juli 2026 - Ralf Hildebrandt

Werte Leserinnen, liebe Leser,

vor drei Wochen ging´s ums Fördern von Können auf Basis von Meister-Schüler-Verhältnissen (MSVs) – im Schnelldurchlauf:

  • Meister nennen wir Könner, die Schüler fördern.
  • Schüler sind Personen, die der Meister (oder die Meisterin) im Verdacht hat, talentiert zu sein.
  • Weil Verdacht besteht, provoziert der Meister talentierte Schüler zum Üben, was Können erzeugt, vorhandenes Talent vorausgesetzt.

Eine Leserin wollte nun wissen, woran sich Talent, insbesondere Führungstalent, denn wohl erkennen ließe. Weil man es jemandem, bevor es sich als solches erwiesen hat, ja schließlich nicht ansehen könne. Damit hat sie Recht – ein Talent (oder eine Gabe/Begabung), und also das Potenzial, aus dem Können erwachsen kann, ist zunächst einmal unsichtbar, man kann es nur vermuten. Oder umgekehrt:

Talent wird (erst) sichtbar, wenn es gebraucht wird. Vorher ist Talent verborgenes Potenzial,

was natürlich auch für Führungstalent gilt. Oder kurz und knapp:

Führungstalent wird sichtbar, wenn Führung gebraucht wird,

vorhandenes Talent vorausgesetzt. Und Führung wiederum, welche wir von Steuerung unterscheiden, wird gebraucht, um neuartige Probleme und eine Person, oder eine Gruppe von Personen (ein Team), zwecks Lösung gefühlsmäßig in Resonanz zu bringen. Beobachten lassen sich solche Problem-Personen-Resonanzverhältnisse (PPRs), und damit auch potenziell vorhandenes Führungstalent, nicht nur während der Arbeits- sondern auch in der sogenannten Frei-zeit, und, weil gerade Saison ist, natürlich auch im Urlaub – ein Beispiel:

Die sich ihres Führungstalents unsichere Leserin Lisa (die natürlich anders heißt), befindet sich auf einer Kreuzfahrt und genießt gerade das All-Inclusive-Angebot, da scheppert es gewaltig. Ihr Schiff hat einen Felsen gerammt. Es geht drunter und drüber, alsbald findet sie sich in einem Rettungsboot wieder. Von der Besatzung hat es niemand in ihr Boot geschafft. Gemeinsam mit anderen hat sie es irgendwie hinbekommen, die Schaluppe mit großem Getöse zu Wasser zu lassen. Der erste Schreck ist überwunden, man schaut sich um und an. Was geschieht als nächstes? Bleiben alle still und keiner sagt etwas, oder verliert jemand die Nerven, und fängt an, herumzuschreien?

Was in jedem Fall, und zunächst einmal geschieht, ist, dass sich hinter dem Rücken der in einem Boot Sitzenden etwas bildet, was für den Fortgang des Ganzen wesentlich ist, nämlich ein Sozialsystem. Niemand kann es sehen, auch Lisa nicht, aber jeder seine Wirkung spüren. Auch Lisa, weil auf einmal alle erwartungsvoll zu ihr schauen. Ein tätowierter Klotz von Mann mit weinerlichen Augen bricht das Schweigen, und fragt: „Was machen wir denn jetzt?“

Das scheinen Lisa auch alle anderen zu fragen, obwohl sie die Herrschaften gar nicht kennt, die meisten davon hat sie noch nie gesehen. Was genau jetzt zu tun ist, weiß Lisa natürlich auch nicht. Die Situation ist für sie so neu, wie für alle anderen auch. Aber offensichtlich scheint sie auf die Gruppe völlig unterschiedlicher Personen nicht nur beruhigend, sondern in gewisser Weise auch gefühlsverbindend zu wirken. Und diese von ihr gestiftete gefühlsmäßige Resonanz wiederum, erzeugt die Hoffnung, dass man das für alle Beteiligten neuartige Problem vom Typ „Überleben auf hoher See“ gemeinsam lösen kann. Dass Lisa so wirkt, wie sie wirkt, unterscheidet sie von anderen. Und was sie, wie alle anderen Menschen auch, von anderen Menschen unterscheidet, ist ihr Talent. In diesem Fall Ihr Führungstalent, welches Lisa in einer solchen Situation an sich entdecken könnte.

Oder, wieder allgemein gefasst:

Ein bestimmtes Talent an sich oder anderen zu entdecken, beginnt immer mit einem dazu passenden Problem.

Bis übernächste Woche!

 

 

 

 

 

 

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