Wenn Kompetenz fehlt …
14. August 2026 - Ralf Hildebrandt
… dann bleiben Probleme ungelöst, liebe Leserinnen und Leser,
wobei mit Kompetenz, jedenfalls im Kontext des heutigen Denkangebotes, nicht die Eigenschaft einer kompetenten Person gemeint ist, sondern die Einheit einer Unterscheidung, nämlich die von Wissen und Können (neben der Unterscheidung kompliziert/komplex das vielleicht wichtigste Denkwerkzeug moderner Organisationsentwicklung). Wenn die Unterscheidung fehlt, wird das Lösen von nur mithilfe von Können lösbarer Probleme nicht nur mindestens erschwert, sondern mehr noch, man handelt sich auch neue, selbstgemachte Probleme ein. Ein Beispiel:
Leser S. aus Hamburg schreibt (wie ich hier berichten darf), dass er ziemlich genau mit meinem Denkangebot vom 12.6.26, in dem beschrieben war, dass KI kompetente Boomer nicht ersetzen kann, die Mail eines KI-Anbieters erhalten hatte. In der war zu lesen, so ungefähr, dass die Boomer, während man noch seinen Kaffee schlürft, still und leise ihre Koffer packen, und sich in die Rente verabschieden würden. Also aufgepasst, denn mit ihnen verschwindet wertvolle Expertise, die nie aufgeschrieben wurde. Aber keine Angst, man müsse ihr Wissen, KI sein Dank, nicht entwischen lassen, also alles gut: Boomer weg, Wissen bleibt, kein Problem – hier geht’s lang zum Angebot.
Dass so ein Boomer, oder einer Boomerin, wie auch jeder andere Mensch, (s)einem Unternehmen nicht nur Wissen, sondern, was zur Lösung komplexer, von hoher Dynamik verursachter Probleme entscheidend ist, auch Können zur Verfügung stellt, welches sich, wie gesagt, durch KI nicht ersetzen lässt, bleibt unerwähnt. Sicherlich nicht, weil der Anbieter abgezockt oder zu dumm wäre (und die Kunden, die glauben, mit KI Kompetenz ersetzen zu können, noch dümmer), sondern weil die Unterscheidung fehlt. Und wenn die fehlt, geht man ganz selbstverständlich davon aus, dass Kompetenz gleich Wissen ist, was sich von Mensch zu Mensch übertragen lässt. Zum Beispiel von Boomer auf Nicht-Boomer, mithilfe einer KI. Man steckt, ohne es zu merken, in einer Denkfalle (so nennen wir als Selbstverständlichkeiten getarnte Irrtümer), und kauft sich eine Lösung, für ein Problem, das noch nicht verstanden ist. So kommt es dann, dass man es verpasst, während man noch seinen Kaffee schlürft,

sich auch über eine Lösung fürs Können Gedanken zu machen, um das der Boomer zu nutzen, solange die noch da sind, zum Beispiel, um Talente zu fördern. Stattdessen beschäftigt man sich mit KI, deren Möglichkeiten unbestritten sind, weil´s für die einen darum geht, möglichst schnell möglichst viel Geschäft zu machen, und die anderen den Zug nicht verpassen wollen, weil sie glauben (sollen), dass nun endlich die Technologie gekommen ist, mit der sich alle Probleme lösen lassen…
Gerade jetzt scheint mir Gerhard Wohlands, bereits vor etwa 25 Jahren beschriebene Unterscheidung (übrigens zur Hochzeit des damaligen „Wissensmanagement“-Hypes), deshalb besonders wertvoll. Er schreibt:
„Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass moderne dynamikrobuste Höchstleistung weniger auf Wissen, sondern mehr auf Können basiert. Dieser Befund steht im Widerspruch zur weit verbreiteten Überzeugung, wir lebten in einer Wissensgesellschaft. Die Erzeugung, Dokumentation, Verbreitung und Nutzung von Wissen scheint das bestimmende Thema unserer Zeit zu sein. Kein Wunder, dass das Wissen auch bei Unternehmen hoch im Kurs steht. Wer mit der Zeit geht, hat einen Wissensmanager, ein Wissensmanagement-System oder gar ein Verfahren zur Messung des verfügbaren Wissenskapitals. Meist folgt auf solche Wissensmanagement-Initiativen nach einigen Jahren die Enttäuschung. Den Abstand zum Wettbewerb kann man so nicht verringern.“
Natürlich nicht. Schon gar nicht, wenn die Unterscheidung fehlt.
Bis übernächste Woche!
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