Digitalisierung, KI & Knoblauch
21. November 2025 - Ralf Hildebrandt
Werte Leserinnen, liebe Leser,
vielleicht können Sie sich noch daran erinnern: 2018 erklärte das Bundeswirtschaftsministerium Digitalisierung zur Pflichtaufgabe „auch für Mittelständler“. Digitalisierung war „Revolution“ und „Zeitalter“ zugleich. Dass man bei diesem Megatrend auf gar keinen Fall den Anschluss verpassen dürfe, war in der Wirtschaft Konsens. Von Digitalisierung redet heute niemand mehr, heute gibt´s KI, die ist dermaßen „mega“, dagegen war Digitalisierung Kindergarten. Worum es bei KI eigentlich geht, wird selten gefragt, das wäre ja auch peinlich, wenn man das noch nicht mitbekommen hat. Außerdem gibt es dafür ja die KI. Die nimmt einem Unwissenheit nicht krumm und meint dann zum Beispiel, dass es bei KI, wie bei Digitalisierung auch, darum ginge, „technologische Fortschritte zur Steigerung von Effizienz, Innovation und Problemlösung in Wirtschaft und Alltag einzusetzen“. Was „Effizienz“ betrifft, ist die Antwort okay. Im Sinne von „Innovation“ und „Problemlösung“ allerdings eher falsch, vielleicht, weil die KI ein paar Marketingtexte zu viel über sich selbst gelesen hat. Wir sehen es so:
Bei Digitalisierung und beim Einsatz von KI geht es um nicht mehr, aber auch um nicht weniger, als um Rationalisierung durch Technik,
in diesem Fall Computertechnik. Rationalisierung durch Technik ist nicht neu. Menschen haben schon immer versucht, ihre eigenen Schranken mithilfe technischer Mittel zu überwinden. Das reicht von Steinzeitwerkzeugen wie dem Faustkeil, über die (Dampf)-Maschinen des Industriezeitalters, bis hin zu Computern, die vom Gehirn gesetzte Grenzen erweitern (wobei dafür genaugenommen schon der Analogcomputer aus Papier & Bleistift genügt, siehe Einkaufszettel oder Grundrechenarten mit Zahlen größer X, je nach individueller Rechenkapazität).
Gegen den Gebrauch von Technik, auch zur Rationalisierung, ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Problematisch wird es, wenn der Eindruck entsteht, dass sich mit der richtigen (oder der gerade angesagtesten) Technik alle Probleme lösen lassen – nach dem Motto, „mach KI“, dann ist es egal, was im Markt passiert. Deine Probleme verschwinden dann ganz von selbst, und falls nicht, wirst du damit auf jeden Fall besser fertig, was Gerhard Wohland immer an das Gesundheitsmanagement seiner Oma erinnert. Die war der Meinung, man müsse nur jeden Tag Knoblauch essen, dann könne man sämtliche gesundheitlichen Probleme vergessen. Das Problem war dabei nicht der Knoblauch (für den kleinen Gerhard vielleicht schon), sondern wie er von Oma vermarktet und als Allheilmittel verkauft wurde. Mit KI scheint das zur Zeit ganz ähnlich:
Im Hype um KI wird übersehen, dass KI, wie jede andere Technik auch, nur dort eingesetzt werden kann, wo Wertschöpfung trivial ist (nur kompliziert). Überall dort hingegen, wo Wertschöpfung überraschend ist (komplex), und man zur Lösung neuartiger Probleme auf Ideen angewiesen ist, kann man mit Technik nicht viel anfangen.
Zum einen, weil Maschinen nichts wollen können, auch keine Probleme lösen wollen, schon gar keine unbekannten, die sie noch gar nicht kennen können (eine KI kann nur den Eindruck erwecken, dass dem so wäre, wenn man das so wahrnehmen möchte). Und zum anderen, weil Ideen problembezogene Gedanken sind, die nur unter der Voraussetzung problemlösender Gefühle entstehen. Und Gefühle wiederum sind Zustände des oder eines (menschlichen) Körpers, welchen Maschinen nicht haben – auch nicht der wie üblich zuckersüß und dolle lieb drein glotzende Roboterkollege in der Abbildung unten (was vielleicht die Angst vor neuer Technik nehmen soll).

Dass im Hype übersehen wird, dass auch KI, wie jede Technik, kein Allheilmittel zur Lösung aller Probleme ist (was ihre großartigen Möglichkeiten nicht bestreitet), muss wahrscheinlich so sein, weil der Hype sonst keiner wäre, stellt die Kausalitäten aber auf den Kopf:
Unternehmen werden (sind) nicht dadurch erfolgreich, weil sie neue Techniken (KI) implementieren, sondern weil sie ihre Märkte, und vor allem die Probleme ihrer Kunden verstehen. Und erst danach daraus ableiten, ob, und an welcher Stelle genau, neue Technik helfen kann,
nicht umgekehrt.
Bis übernächste Woche!
Der Inhalt des Posts ist lizenziert CC-BY-NC-ND. Er kann gerne jederzeit unter Namensnennung und Link zu nicht-kommerziellen Zwecken genutzt werden. Foto von Erhan Astam auf Unsplash
Neue Blogposts gibt es 2-wöchentlich. Wenn Sie möchten, bestellen Sie die Beiträge hier kostenlos:
Newsletter
Alle Blogposts bequem per E-Mail:

