Kuck mal wer da spricht
17. April 2026 - Ralf Hildebrandt
Werte Leserinnen, liebe Leser,
Einstein meinte, die Theorie bestimmt, was man sieht (oder beobachtet). Im organisationstheoretischen Kontext stehen zwei grundlegend verschiedene „Brillen“ zur Auswahl: Die klassisch betriebswirtschaftliche Brille, mit der Organisationen, unter anderem, aus Menschen und deren Verhalten bestehen. Und die funktional orientierte systemtheoretische „FOS“-Brille (wie ich sie hier im Blog immer einmal wieder genannt habe). Zuerst ein Blick durch die Brille der BWL:
In der Cafeteria eines oder Ihres Unternehmens beobachten Sie ein Gespräch unter Kollegen. Man ist sich einig, in Eriks Bereich läuft es nicht mehr. Keine Ahnung, was da los ist. Die Zahlen sind unterirdisch. Es wurde ja schon viel versucht, geändert hat sich wenig. Führungsschwäche? Möglich. Die Zeiten sind ja auch nicht einfach. Hm…. naja – ist natürlich immer auch eine Charakterfrage. Sicher. Vielleicht muss da mal frischer Wind rein. Ja, hm….jedenfalls geht es so nicht weiter, muss sich was tun – möchte noch jemand einen Espresso?
Was haben Sie gesehen? Eine Gruppe von Menschen, wahrscheinlich Manager, die sich über die Schwierigkeiten eines Bereiches ihrer (Ihrer) Organisation unterhalten, und sich über die Ursache mangelnder Leistungsfähigkeit einig sind – Erik. Oder genauer gesagt: Eriks unzureichendes Verhalten, dessen Ursache wiederum in einer Charakterschwäche vermutet wird.

Jetzt der Blick durch die FOS-Brille:
In der Cafeteria eines oder Ihres Unternehmens beobachten Sie ein Gespräch unter Kollegen. Im Vordergrund stehen jetzt aber nicht mehr die Menschen, sondern die stattfindende Kommunikation, das Gespräch. Sie sehen, wie ein Wort das andere gibt, eine kommunikative Operation folgt der nächsten. Keiner der Anwesenden hat das Gespräch geskriptet oder in der Hand. Es läuft einfach, niemand muss es organisieren, es organisiert sich (selbst), es funktioniert. Bloß wie? Sie rücken Ihre FOS-Brille zurecht und schauen genauer hin. Sie sehen, dass sich den am Gespräch Beteiligten immer wieder Begrifflichkeiten anbieten, die einfach genutzt werden, ohne dass über deren Nutzung lange oder überhaupt nachgedacht werden müsste. Das Gespräch bestimmt, was gesagt werden kann und darf, die Begrifflichkeiten sorgen dafür, dass es sich fortsetzen kann. Kein Teilnehmer muss sich darüber Gedanken machen, was gerade passt. Und wenn es ins Stocken gerät, dauert es nicht lang, weil es sonst beendet wäre, bis wieder eine Fortsetzungsoption zur Verfügung steht. In einem ratlosen Moment wird der Gruppe gerade noch rechtzeitig „Charakterfrage“ angeboten („Mindset“ wäre auch noch im Angebot gewesen), und siehe da, die Kommunikation stabilisiert sich wieder – möchte noch jemand einen Espresso?
Was haben Sie gesehen? Eine Gruppe Menschen, das auch, vor allem aber ein System, oder genauer gesagt, ein soziales System vom Typ „Kommunikation unter Anwesenden“. Für die FOS-Brille ist das typisch, sobald die sitzt, wird unterschieden, auf Basis von System/Umwelt (oder Umgebung). In diesem Fall zwischen Gespräch und Menschen, die, wie Sie beobachten konnten, nicht zum Gespräch gehören, sondern zu seiner Umgebung. Man könnte auch jemand anderen dazu oder jemanden wegsetzen, es liefe, solange es läuft, trotzdem weiter (wenn es nicht gerade Erik ist, das Gespräch wäre dann allerdings auch ein anderes). Oder systemtheoretisch ausgedrückt:
Systeme sind in der Welt, weil sie funktionieren, und solange sie funktionieren, setzen sie sich fort,
das macht sie aus. Auch das Unternehmen, in welchem das Subsystem Cafeteria-Gespräch läuft (oder welches das Subsystem integriert), ist ein soziales System, und zwar eines vom Typ „Organisation“. Oder genauer gesagt, vom Typ „Organisation der Wirtschaft“ – gleiches Denkprinzip: Auch hier gehören die Menschen nicht zum System, sie gehören zur Umgebung ihrer Organisation. Und auch die Organisation selbst „besteht“ aus nichts anderem, als aus Kommunikation (über Entscheidungen) – oder besser:
Organisationen organisieren Kommunikationen über Entscheidungen (über Wertschöpfung, Falle von Unternehmen).
Damit Kommunikation laufen kann, hält jede Organisation einen Vorrat an Begrifflichkeiten bereit, die sogenannten „Selbstverständlichkeiten“ (die Eigenwerte der Kommunikation), die man einfach so, ohne lange oder überhaupt darüber nachdenken zu müssen, benutzen kann. Zum Beispiel „Führungsschwäche“ und „Charakterfrage“, um ein Problem zu beschreiben. Ob es sich dabei um eine vernünftige Beschreibung handelt ist egal, Hauptsache, wie gesagt, die Kommunikation setzt sich fort.
Ob fürs Denken über Organisation(en) und deren Entwicklung nun die BWL- oder die FOS-Brille nützlicher ist, entscheidet das Problem:
- Wenn Erik (oder sonst wer) das Problem ist, weil er sich nicht so verhält, wie er sich verhalten sollte, was bei Vorhandensein eines entsprechenden Charakters möglich wäre, dann kann aufs Unterscheiden verzichtet werden, und die Lösung heißt „frischer Wind“ – Erik muss weg.
- Andernfalls ist eine FOS-Brille nützlich, um zu erkennen, dass nicht Erik, sondern ungeeignete Organisationsstrukturen und Erkenntnismangel (zum Beispiel von der Existenz sozialer Systeme) problemlösende Kommunikation erschweren.
Oder anders gesagt:
Ohne systemtheoretische Denkalternative ist es schwierig, bei allfälligen Problemen mit dem Denken über Menschen, die an irgendetwas schuld sind, weil sie sich nicht so verhalten, wie sie sich verhalten sollten, hinauszukommen.
Mehr dazu dann übernächste Woche.
Bis dann!
Der Inhalt des Posts ist lizenziert CC-BY-NC-ND. Er kann gerne jederzeit unter Namensnennung und Link zu nicht-kommerziellen Zwecken genutzt werden. Bildnachweis: istockphoto 85370471.
Newsletter
Alle Blogposts bequem per E-Mail:
