Kompliziertes & Komplexes (und KI)
5. Dezember 2025 - Ralf Hildebrandt
Liebe Leserinnen, werte Leser,
einige Zuschriften zum Denkangebot von vor zwei Wochen hatten darauf hingewiesen, dass möglicherweise der Eindruck entstanden sein könnte, KI wäre im Umgang mit komplexen Problemen zu nichts nutze. Ich hatte dort beschrieben, dass im Hype um KI übersehen wird,
dass KI, wie jede andere Technik auch, nur dort eingesetzt werden kann, wo Wertschöpfung trivial ist (nur kompliziert),
und:
Überall dort hingegen, wo Wertschöpfung überraschend ist (komplex), und man zur Lösung neuartiger Probleme auf Ideen angewiesen ist, kann man mit Technik nicht viel anfangen.
Gemeint war, was wahrscheinlich weniger missverständlich gewesen wäre,
dass Maschinen nur den Anteil der Wertschöpfung übernehmen können, der kompliziert ist.
Und:
Dass eine Maschine mit dem komplexen Anteil eines Problems nicht umgehen kann, weil es dafür Ideen braucht, die Maschinen nicht haben können,
weil Ideen problembezogene Gedanken sind, die nur unter der Voraussetzung problemlösender Gefühle entstehen. Und Gefühle wiederum sind Zustände des oder eines (menschlichen) Körpers, den Maschinen nicht haben. Zum Beispiel das Gefühl eine Idee haben zu wollen, um ein komplexes Problem zu lösen, wofür man sich von einer Maschine inspirieren lassen kann – was Leserin „F“ treffenderweise so beschreibt:
„Auch da, wo ich Ideen brauche, kann ich KI einsetzen, ich kann die Ideen nur nicht von der KI erwarten, die muss ich schon noch selber haben. Ich habe aber nicht selten die KI als Sparringspartner eingesetzt, um mir beim Denken (korrigiere: Fühlen) zu helfen und bin nicht selten mit einer Idee – meiner eigenen – belohnt worden.“
Und Leser „R“ weist darauf hin,
dass man mit einer KI, im Gegensatz zu Faustkeilen oder Dampfmaschinen, Dank Sprachmodell (fast) wie mit einem Menschen kommunizieren könne. Auch wenn im Chat nur eine Technologie antwortet, so scheint es sich doch mit so einer Maschine auf einer gewissen Ebene „menschlich“ anzufühlen, sodass KI als „Brainstorming-Partner“ auch kreative Prozesse und damit also auch die Lösung komplexer Probleme unterstützen könne.
Da haben beide Recht. Menschen können sich von Maschinen inspirieren lassen, wie von vielem anderen auch (die berühmte Dusche, unter der manche die besten Ideen haben). Sie können sich unter Maschinen sogar einen lebendigen Sparrings- oder Brainstorming-Partner vorstellen, wenn ihnen das hilfreich erscheint. Totes „animieren“ zu können (wie wir sagen), ist eine ausschließlich menschliche Fähigkeit. Eine Form von Kreativität, deren Nutzung im Alltag, insbesondere im Umgang mit KI, oft so selbstverständlich ist, dass mancher glaubt, Maschinen wären irgendwann soweit Menschen zu ersetzen, die dann nichts mehr zu arbeiten haben. Soweit wird’s nicht kommen, weil Maschinen nun einmal keine Menschen sind. Was Maschinen von Menschen übernehmen werden, und das wahrscheinlich in einem bislang unbekannten Ausmaß, sind, siehe oben, die komplizierten Arbeiten, fürs Komplexe sind und bleiben Menschen zuständig. Schon allein deshalb, weil Probleme, ganz gleich welcher Art, nie nur eins von beidem, sondern immer eine Mischung aus komplizierten und komplexen Anteilen beinhalten. Oder anders ausgedrückt,
Probleme sind „dual“:
- Vor allem kompliziert ist ein Problem, wenn seine Bearbeitung Routine ist und an den komplexen Anteil praktisch kein Gedanke verschwendet wird, weil man den bedenkenlos dem gesunden Menschenverstand überlassen kann. Für Probleme von hohem komplizierten Anteil kann und wird KI den Großteil der Arbeit übernehmen.
- Und ziemlich komplex ist ein Problem, wenn der komplizierte Anteil nur eine untergeordnete Rolle spielt, und individuelles Können gefordert ist (und nicht nur anonym vorhandener Menschenverstand). Für solche Probleme kann KI als „Partner“ herhalten. Der Großteil, oder der große komplexe Teil der Arbeit bleibt menschlicher Kreativität überlassen (und wird es auch immer bleiben).

Ein Alltagsbeispiel:
Sie sollen oder wollen von einem Onlinemeeting einen Bericht anfertigen. Das machen Sie natürlich nicht mit einem Diktiergerät und einer Software zur Texterstellung, sondern mithilfe Ihrer Onlinemeeting-App und einer KI. Die App liefert per Aufnahmeknopf einen Bericht in Form einer Aufzeichnung. Und die KI kann Ihnen einen Bericht in Form eines Textes liefern, je nachdem, ob Ihnen ein leicht editiertes Transkript der Aufzeichnung genügt, oder ob Sie eine Zusammenfassung für ein kurzes Memo, oder einen Kunden, oder für was auch immer brauchen. Der komplizierte Teil vom Problemtyp „Berichterstellung“ wäre damit abgearbeitet. Den hat die Maschine für Sie komplett übernommen, während Sie sich gerade einmal einen Kaffee geholt haben. Jetzt zum komplexen Problemanteil. Bei dessen Bearbeitung geht es nicht mehr ums „Wie“ (man von einer KI einen Bericht erstellen lassen kann), sondern ums „Wer“, beziehungsweise um Sie und Ihre gerade aktuelle Lebenssituation – wofür brauchen Sie den Bericht, und für wen, was genau soll damit erreicht werden, und so weiter. Dabei kommen Ihre und die Interessen der Bewusstseine in Ihrer Umgebung ins Spiel (die wiederum in Ihrem Interesse liegen oder auch nicht), auf deren Basis Sie die von der KI gelieferte Arbeit interpretieren:
- Ein dominant kompliziertes Berichtsproblem, vielleicht zu 98,7%, für welches die KI Ihnen praktisch die ganze Arbeit abnehmen könnte, hätten Sie vor sich, wenn Sie den Bericht für die Kumpels aus Ihrem Projektteam brauchen, weil Sie die und auch deren Interessen in- und auswendig kennen (weil Sie gemeinsam seit Wochen am selben Problem arbeiten). Vielleicht soll der Bericht in ein paar Wochen nur ans letzte Meeting vor dem Sommerurlaub erinnern, weshalb Sie fürs Komplexe kaum mehr als Ihren gesunden Menschenverstand bemühen müssen (die verbleibenden 1,3%), um im Transkript gerade einmal die wichtigsten Stellen zu markieren, Problem gelöst.
- Ganz anders hingegen, wenn Ihr Unternehmen kurz vor dem Bankrott steht und Sie einen Bericht für die Gläubiger-Versammlung verfassen müssen. Ein Transkript und ein paar Highlights wären dann keine Lösung. Im Gegenteil, wahrscheinlich werden Sie die Arbeitsergebnisse der KI nur als Gedankenstütze und zur Inspiration nutzen können.
Kurzum:
Ob und inwieweit die Arbeitsergebnisse einer KI zur Lösung eines mehr oder weniger komplexen Problems beitragen, lässt sich immer nur konkret beurteilen, gemäß der Interessen des Problemeigners.
Interessen sind objektiv gegebene Lebensnotwendigkeiten, die an Komplexität beziehungsweise an die Komplexität lebendiger menschlicher Bewusstseine gebunden sind. Oder umgekehrt:
Nur Bewusstseine können Interessen entwickeln (und Probleme haben).
Einem nicht-lebendigen, toten und nur kompliziertem System, wie einer KI, ist ihr Schicksal egal. Man kann sie einfach abschalten, ohne dass mit Protest zu rechnen wäre.
Bis übernächste Woche!
Der Inhalt des Posts ist lizenziert CC-BY-NC-ND. Er kann gerne jederzeit unter Namensnennung und Link zu nicht-kommerziellen Zwecken genutzt werden. Foto von Prateek Katyal: https://www.pexels.com/de-de/foto/schwarzweiss-laptop-2740956/
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