Kleine kompliziert/komplexe Fingerübung – Kung Fu!
27. Februar 2026 - Ralf Hildebrandt
Werte Leserinnen, liebe Leser,
die wichtigste Unterscheidung moderner Organisationsentwicklung ist die Unterscheidung kompliziert/komplex:
Mit „komplex“ bezeichnen wir den lebendigen, dynamikrobusten Anteil einer Unternehmensfunktion, mit „kompliziert“ den formalen (toten).
Komplexe Funktionen können nur von Menschen erfüllt werden, komplizierte auch von Maschinen. Bei tayloristischer Massenfertigung bestimmt das Komplizierte die Konkurrenzkraft, bei dynamikrobuster Wertschöpfung das Komplexe.
Soweit so gut, und Ihnen vielleicht oder wahrscheinlich auch bekannt, und von Gerhard Wohland bereits vor einem viertel Jahrhundert im „Denkwerkzeuge“-Buch so beschrieben (die Erstauflage, nicht die unter dem Link). Jetzt zur Fingerübung. Vielleicht haben Sie es auch mitbekommen: Letzte Woche ging ein Video der „Kung Fu“-Künste der Roboter des chinesischen Herstellers Unitree durch die Medien, zum Beispiel hier.

Was meinen Sie? Ist das, was die Maschinen da vorführen noch kompliziert? Oder schon komplex? Das sieht doch schon ziemlich lebendig aus. Kein Vergleich zu den ungelenken Quadern, die in der Altenpflege den Kaffee verschütten. Man kann zum Beispiel sehen, wie, beziehungsweise dass, die Maschinen das Gleichgewicht halten können. Wenn das inzwischen möglich ist, werden Maschinen dann also bald auch komplexe Funktionen übernehmen können? Wie im Video? Was meinen Sie? Gerhard Wohland meint (leicht editiert):
„Also erstmal wollen wir das, was die Roboter da machen, nicht „Kung Fu“ nennen. Kung Fu wäre das, wenn tatsächlich ein Kampf stattgefunden hätte, wo der Roboter auch mal hätte verlieren können. Das war ja mehr Ballett. Man hat also Bewegungen aufgeführt und auch gezeigt, dass der Roboter, wenn er einen Salto macht, und auch damit rechnen kann, dass er korrigieren muss – dass er nicht so aufkommt, wie es im Modell vorgesehen ist, sondern ein bisschen daneben. Und dafür braucht er wieder ein Modell, um zu rechnen, wie man korrigiert.
Das Gleichgewichthalten des Roboters ist kompliziert. Da ist nirgendwo Komplexität.
Komplexität wäre immer erst dann, wenn eine Überraschung passiert. Ich erinnere da an den Würfel, der kann nicht überraschen. Das ist ja immer diese Falle, wenn mich etwas überrascht, ich habe etwas erwartet, aber es ist etwas anderes gekommen. Ich habe eine Drei erwartet und der Würfel würfelt eine Vier oder irgendwie sowas. Dann bin ich überrascht, aber das ist hier nicht mit Überraschung gemeint. Eine Überraschung wäre eine Sieben, also eine Akausalität. Und damit könnte der Roboter nicht umgehen. Und natürlich ist das, was die KI da jetzt vormacht, ein qualitativer Sprung in der Technik. Das gab es alles vorher nicht. Was man dazu braucht, sind sehr schnelle Rechner, die diese Korrektur schnell genug machen können, damit der Roboter nicht umfällt. Aber das ist offensichtlich möglich und das ist die technische Leistung der chinesischen Roboter. Dass die das offensichtlich inzwischen können. Das ist Balancieren auf hohem Niveau. Wir haben ja in meiner Jugend auf der Hannover Messe auch einen Roboter ausgestellt (um 1980). Der hat eine Besenstange auf seiner Handfläche balanciert (das ist übrigens ein labiles Gleichgewicht, für ein stabiles Gleichgewicht bräuchte man keine Balance).
Und dieses Balancieren ist nichts anderes, als ein Reagieren auf kausale Ereignisse.
Der Besenstiel neigt sich, und wenn er sich neigt, gibt es eine Gegenbewegung. Das nennt man Balancieren, das hat mit Komplexität nichts zu tun. Wenn uns damals jemand hätte ärgern wollen, dann hätte er den Besenstiel einfach nur so stark anstupsen müssen, dass der Roboter mit dem Rechnen nicht mehr hinterher kommt – dann wäre Komplexität (Lebendigkeit) nötig gewesen. Zum Beispiel, indem die Maschine auf das Stupsen mit „Finger weg“ reagiert hätte. Hat sie aber nicht, war nicht programmiert, das heißt: Solange die Grenzen dessen, was modelliert worden ist, nicht überschritten werden, entsteht auch keine Komplexität (innerhalb eines softwaremäßig modellierten Modells).“
Bis übernächste Woche!
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