Elfmeter! (Hoch)
26. Juni 2026 - Ralf Hildebrandt
Liebe Leserinnen, werte Leser,
das Denkangebot von vorletzter Woche hatte sich damit beschäftigt, dass KI das Können kompetenter Personen nicht ersetzen kann. Und zum Schluss die Frage gestellt, wie man es denn dann ersetzen könne, oder ob das eine falsche Frage wäre. Weil gerade Fußball ist, habe ich mich dazu entschlossen, Sie mit der Antwort noch ein wenig warten zu lassen und dieses Denkangebot den „falschen Fragen“ zu widmen. Also dann:
Jede Frage braucht einen Konsens über ihre Prämissen (Vorbedingungen, Annahmen),
siehe Denkwerkzeuge-Buch, Stichwort „Frage (falsche)“, Seite 104. Fehlt dieser, dann ist die Frage falsch, oder nur ein Scherz. Wer einen Fußballexperten fragt, ob ein Elfmeter wirklich elf Meter hoch ist, wird Kommentare ernten, aber keine Antwort. Würde der Experte antworten, würde er die Prämisse akzeptieren, dass ein Elfmeter eine Höhe hat. Egal was er antwortet, die Antwort wäre falsch. Natürlich bleibt das Gespräch in solchen Fällen nicht stecken. Meist wird der Frager darüber aufgeklärt, dass die Frage falsch gestellt ist – kurzum:
Falsche Fragen erkennt man daran, dass jede Antwort darauf auch falsch ist,
wofür man freilich mindestens wissen muss, dass es falsche Fragen gibt. Wenn die Beteiligten die falsche Frage nicht bemerken, insbesondere, weil sie einmal richtig, und damit selbstverständlich war, wird es gefährlich. Dass das, was einmal richtig war, nun nicht mehr gilt, fällt dann nicht auf. Die Frage wird deshalb immer und immer wieder wiederholt, bis zum Untergang.
(Auch) in der Organisationsentwicklung sind falsche Fragen gang und gäbe, insbesondere sind das Fragen nach dem „Wie“. Hinter Wie-Fragen stecken meistens Fragen nach Wissen, beziehungsweise nach bereits vorhandenen Lösungen, welche es für den Umgang mit den Überraschungen dynamischer Marktumgebungen aber noch nicht geben kann, weil es sonst keine Überraschungen wären. Gefragt wird trotzdem, weil Dynamik im vergangenen Jahrhundert geringer Dynamik, weil gering, organisatorisch vernachlässigbar war, man musste noch nicht einmal von ihr wissen. In vielen Unternehmen weiß man von Dynamik (als Ursache vieler Probleme) bis heute nichts, man glaubt noch immer, es mangele an Wissen. Also wird zum Beispiel gefragt, siehe oben, wie sich Können durch KI ersetzen lässt (weil für selbstverständlich gehalten wird, dass das möglich wäre), oder auch:
- „Wie entwickeln wir unser Unternehmen?“ – weil man nicht nur glaubt, dass man das müsste, sondern das auch könnte.
- „Wie entscheiden wir uns richtig?“ – weil man meint, dass Irrtümer nicht nur ausgeschlossen werden können, sondern auch zu vermeiden sind.
- „Wie kommunizieren wir überzeugend?“ – als ob man darüber verfügen könne, was andere für überzeugend halten.
- „Wie managen wir Innovation?“ – weil man selbst fürs Finden neuer Lösungen nach einer Methode sucht,
und schließlich:
- „Wie gestalten wir unsere Zukunft?“ – als ob man sie selbst bestimmen könnte.
Bevor man sich mit solchen Fragen beschäftigt, ist es besser, man pfeift vorher ab.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich, vor allem im Kontext der letzten Frage, wie ein Korken auf dem Wasser treiben lässt. Es soll nur eine Erinnerung daran sein, dass sich die Suche nach Antworten erst mit den richtigen Fragen lohnt, oder besser gesagt, mit im Sinne des zu lösenden Problems, passenden Fragen. Bei Fragen nach dem Wie ist unter hoher Dynamik in jedem Fall Vorsicht geboten.
Bis übernächste Woche!
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