Immer wieder Werte – warum?
19. September 2025 - Ralf Hildebrandt
Werte Leserinnen, liebe Leser,
neulich wunderte sich eine Managerin (eines Kunden) darüber, dass in ihrem Unternehmen immer wieder über Werte gesprochen werde und man sich vorwerfe oder meine, man müsse teamfähiger sein, proaktiver, sich unternehmerischer verhalten, und so weiter.

Obwohl man doch inzwischen wüsste, und auch die Erfahrung hat, dass man sich seine Werte nicht aussuchen oder sie mal eben verändern könne. Und trotzdem würde jetzt wieder darüber diskutiert, welche „Corporate Values“ besonders erstrebenswert wären – wieso hört das nicht auf?
Gerhard Wohlands Antwort (nicht im Wortlaut, aber von mir so nachvollzogen und aufgeschrieben): „Ich würde ihre Frage vielleicht unter die Überschrift `Moral´ stellen, also den gesellschaftlichen Konsens darüber, was einen guten Menschen von einem schlechten Menschen unterscheidet. Anzustreben ist natürlich der gute Mensch, weil der gute Mensch belohnt und der schlechte Mensch bestraft wird. Und der Denkansatz, der sich daraus ergibt, ist, wenn die Menschen gut sind, dann wird es ihnen auch gut gehen – übertragen aufs Unternehmen: Wenn wir uns gemäß moralischer Prinzipien organisieren und dafür sorgen, dass die auch eingehalten werden (mithilfe einer Reihe von `Committment´-Workshops beispielsweise), dann sind wir gute Manager und gute Mitarbeiter, und dafür werden wir dann auch vom Markt belohnt.“
Managerin: „Hm.“
Gerhard Wohland: „So hat man das im Grunde genommen schon als Kind beigebracht bekommen. Wenn du das tust, was Papi und Mami sagen (oder ein Berater oder ein Manager), dann geht es dir besser, als wenn du es anders machst. Und diese primitive Vorstellung über die Welt wird dann benutzt. Dabei wird übersehen, dass moralisch gutes Verhalten durchaus negative Wirkung haben kann (beispielsweise wenn man sich diszipliniert an Regeln und Prozesse hält, obwohl die die Lösung neuer Probleme behindern, für die es, weil neu, noch keine Regeln geben kann). Und umgekehrt, dass falsches oder schlechtes Verhalten, also etwas, was sich nicht gehört, durchaus positive Effekte haben kann (beispielsweise Regeln zu brechen, um ein Problem zu lösen). Man hat die romantische Hoffnung, dass man mit der Unterscheidung von Gut und Böse (oder richtig und falsch) die Welt aufräumen kann, oder besser gesagt, eine aufgeräumte Welt erzeugen, und die dann auch benutzen kann – das ist naiv.“
Managerin: „Obwohl man die Absicht dahinter ja durchaus verstehen kann. In einer komplexen Marktumgebung kann ich meinen Leuten ja nicht mehr erzählen was sie tun sollen, oder das kontrollieren wollen. Die müssen ihre Entscheidungen selbst treffen und dafür haben sie ja nichts anderes zur Verfügung als ihre Werte? Stimmt das, erinnere ich mich da richtig (an eines unserer letzten Gespräche)?“
Gerhard Wohland: „Ja, das stimmt schon, aber wenn ich tatsächlich auf bestimmte Werte angewiesen bin, und moderne Organisation ist darauf angewiesen, zum Beispiel auf Vertrauen, dann reicht es nicht, Werte einfach nur zu wollen – man muss sich damit beschäftigen, wie Werte entstehen:
Werte entstehen nicht durch willentliche Entscheidung (ich will einen Wert haben, also habe ich ihn), Werte entstehen durch Erfahrung.
Und wenn die Erfahrungen, die notwendig sind, damit bestimmte Werte entstehen, gar nicht gemacht werden können, dann entstehen auch diese Werte nicht. Um im Beispiel zu bleiben: Vertrauen entsteht durch die Erfahrung, dass es besser ist, bestimmten Menschen zu vertrauen, statt ihnen zu misstrauen – es geht mir besser, ich bin erfolgreicher, wenn ich dem und dem vertraue. Aber diese Erfahrung muss ich machen dürfen, die muss möglich sein. Wenn diese Erfahrung nicht möglich ist, dann entsteht auch kein Vertrauen (da kann man so viel Vertrauen wollen und fordern, wie man will).“
Ergänzung: Gerhard Wohland sagt nicht, man solle oder könne sich als Mitglied (s)eines Unternehmens unmoralisch verhalten – Moral ist für den Zusammenhalt einer Gesellschaft ein unverzichtbares `Lebensmittel´. Für die Entwicklung eines Unternehmens jedoch, einer Organisation des gesellschaftlichen Subsystems Wirtschaft, ist Moral kein Kriterium, weil Wirtschaft Moral leider nicht belohnt (wobei das zu bedauern genaugenommen auch moralisch ist). Wirtschaft ist amoralisch, sie ist weder fair, noch wertschätzend und schon gar nicht gerecht, sondern brutal. Mitspielen darf nur, wer nach ihren Regeln spielt und über kurz oder lang einen konkurrenzfähigen Gewinn erzielt – dann ist sie freundlich und man kann sie nutzen, aber nur dann.
Bis übernächste Woche!
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