Können fördern
10. Juli 2026 - Ralf Hildebrandt
Werte Leserinnen, liebe Leser,
der Beitrag vom 12.6. hatte sich damit beschäftigt, dass KI das Können kompetenter Personen nicht ersetzen kann – kurze Rückblende:
Können ist die Fähigkeit, in einer unverstandenen Situation, beispielsweise bei der Konfrontation mit einem neuartigen Problem, problemlösende Gefühle (Ideen) zu entwickeln, auf welche Art und Weise das Problem vielleicht zu lösen wäre. KI kann Können nicht ersetzen, weil Gefühle, im Gegensatz zu Wissen, nicht übertragbar sind – nicht auf andere Menschen, und schon gar nicht auf eine KI. Am Schluss stand dann die Frage, wie man es denn dann ersetzen könne. Zum Beispiel das Können von Boomerin Beate, die sich in ein paar Jahren in den Ruhestand verabschiedet.
Heute gibt’s die Antwort. Sie lautet:
Können lässt sich nicht wie Wissen ersetzen, aber fördern, durch „MSVs“ beziehungsweise sogenannte „Meister-Schüler-Verhältnisse“.
Beobachtet und als solche beschrieben hatte Gerhard Wohland solche Beziehungen bereits vor 25 Jahren. Ganz glücklich ist er mit seiner Bezeichnung bis heute nicht, weil Schüler an Schule erinnert, und es in der Schule, jedenfalls für gewöhnlich, eben nicht ums Fördern von Können, sondern ums Übertragen von Wissen auf Unwissende geht, beziehungsweise vom Lehrer auf Schüler. Vielleicht fällt Ihnen ja etwas Besseres ein, „Mentoring“-Verhältnis, oder auch „Meister-Talent“-Verhältnis zum Beispiel. Sie können MSVs nennen, wie Sie möchten, es muss nur klar sein, was damit gemeint ist:
Meister nennen wir Könner, die Schüler fördern. Und Schüler sind Personen, die der Meister im Verdacht hat, talentiert zu sein.
Deswegen, weil Verdacht besteht, provoziert der Meister talentierte Schüler zum Üben („provoziert“ im Sinne eines im konstruktiven Sinne unwiderstehlichen Anregens).

Und ein Talent wiederum wird sich vom Meister zum Üben provozieren lassen, und so lange üben, bis eigenes Können erreicht ist („das möchte ich auch können“). Dabei ist Üben von Lernen zu unterscheiden:
Gelernt wird, um Wissen zu übertragen, geübt wird, um Gefühle zu erzeugen,
oder genauer gesagt, zu komplexen Situationen passende Gefühle, die dann, weil talentbasiert geübt, und dann gekonnt, bei Bedarf relativ zuverlässig zur Verfügung stehen: Wie zum Beispiel die souveräne Gelassenheit einer erfahrenen Verkäuferin, mit der sie im Kundengespräch auf die überraschende Offerte eines Konkurrenten reagiert. Oder die Ruhe des Projektleiters, der auch nach dem dritten Fehlschlag nicht die Nerven verliert (und damit auch nicht sein Team das Projekt).
Der schwerwiegendste Fehler, der einem Meister unterlaufen kann, ist der Versuch, sein Können erklären, oder beschreiben zu wollen. Das ist nicht möglich, weil Können kein Wissen ist:
Können lässt sich nicht erklären, nur zeigen.
Was eine Vertriebsmeisterin bei einem Kunden tut, um einen unterschriebenen Vertrag nach Hause zu bringen, ist bei jedem Kunden anders. Was ihr Können ausmacht (und damit sie, denn Können klebt am Könner), ist, dass sie damit umgehen kann, wenn etwas anders ist, als es normalerweise ist, und ihr dann etwas einfällt, um das Vertrauen eines Kunden zu gewinnen oder wieder herzustellen. Und ihre Schülerin ist eine Person, die die Chance hat, dass ihr in derselben Situation auch etwas einfällt, wahrscheinlich aber etwas anderes (eben weil sie Talent fürs Verkaufen hat). Soll heißen:
Eine Meisterin lässt sich nicht kopieren.
Sie ist nicht dazu da, einem Verkaufstalent zu zeigen, wie Vertrieb „geht“. Das kann sie gar nicht wissen, weil es das Wissen im Umgang mit anders- oder neuartigen Situationen oder Problemen, noch gar nicht geben kann, sonst wären sie nicht neu. Sie kann nur wissen, dass sie das kann, weshalb sie auch meistens etwas verkauft. Wenn sie gefragt wird, wie genau sie das denn hinbekommen hat, dann kann sie das selbstverständlich erzählen, aber immer nur hinterher. Vom Unterhaltungswert einmal abgesehen, wird die Anekdote ihrer Schülerin aber kaum etwas nützen, vielleicht sogar eher schaden, weil das Talent der Schülerin nicht das der Meisterin ist. Kurzum:
Eine Schülerin kann eine Meisterin nicht nachmachen, sie muss ihren eigenen Weg finden (ihr Können selbst herstellen).
Die Meisterin kann nur zeigen, dass das Verkaufen möglich, und dass es jedes Mal anders ist (abgesehen von den Dingen natürlich, die immer gleich sind, auf die es aber nicht ankommt, weil das, was immer gleich ist, Wissen ist, was auch die Konkurrenten haben). Wie genau die Schülerin dann selbst verkaufen wird, auf Basis ihres Talents, muss sie selbst herausfinden. Die Meisterin wird sie dabei mit Lob und Trost und sicher auch mit dem einen oder anderen Rat unterstützen, vielleicht auch mit einer Idee. Gleichzeitig muss beiden aber auch klar sein, dass Rat und Idee der Schülerin vielleicht nicht hilfreich erscheinen, weshalb sie sich für etwas anderes entscheidet („das ist zwar eine tolle Idee, so kriege ich das aber nicht hin, ich brauche eine andere Idee“). Sie bekommt nur vorgeführt, dass es geht, nicht wie, die Meisterin könnte das, und als Verkaufstalent könnte sie auch können. Aber nicht dadurch, dass sie es nachmacht, sondern nur dadurch, dass ihr selbst etwas einfällt.
Was moderne MSVs von klassischen Lehrer/Schüler-Verhältnissen, neben der Unterscheidung lernen/üben, noch unterscheidet, ist der fehlende Zwang:
Meister-Schüler-Verhältnisse sind gegenseitig freiwillig.
Eine Meisterin darf sagen, „was soll ich mit der?“ Und eine Schülerin darf sagen „die mag ich nicht.“ Beides, also Ablehnung oder Zustimmung, ist, weil nicht begründbar, auch nicht zu begründen, weil die Beziehung auf Gefühlen beruht, vor allem auf Vertrauen. Allein schon deshalb, weil es immer möglich ist, dass sich die Meisterin in ihrer Einschätzung geirrt hat, und sie ihrer Schülerin mitteilen muss, dass die, entgegen erster Vermutung wohl doch kein Talent fürs Verkaufen hat. Das ist für beide Seiten sicher schwierig, aber kein Grund, Erkenntnis vorzuenthalten, und damit die Entfaltung anderer Talente zu behindern.
Bis übernächste Woche!
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