Chef, Chef… aber warum?

15. Januar 2017 - Ralf Hildebrandt

„Ja – und dann ist mir noch wichtig, dass jeder von Ihnen in 2017 mehr Kundenverantwortung übernimmt…“ 

Sie haben das so oder so ähnlich schon gehört, werte Leserinnen und Leser? Vielleicht haben Sie sich das auch schon selbst sagen gehört. Gesetzt den Fall, Sie haben es mit Kunden zu tun, ist das nicht unwahrscheinlich. Daran ist nichts falsch. Es ist üblich. Vor allem Anfang eines Jahres. Im Allgemeinen huscht eine solche Aussage schnell an den Beteiligten vorbei. Vielleicht landet sie in einem Workshop noch auf einem gelben Kärtchen. Aber das war es dann damit. 

Schauen wir einmal genauer hin, was da noch sein könnte. 

„Ich will, ich habe vor, mir ist noch wichtig…“

Hinter allem, was ein Manager sagt, steckt noch etwas anderes. Ok, das kann manchmal unwichtig sein. Oder einfach eine Worthülse (Phrasen entdeckt man immer nur an den anderen). Das könnte man leicht enttarnen und es hätte sich erledigt. Aber es gibt auch jede Menge Situationen, da findet sich etwas von zentraler Bedeutung. Vielleicht nicht unbedingt für das gesamte Unternehmen. Zumindest aber für den jeweiligen Bereich. Inhaltlich kann es sich um eine sinnvolle Direktive oder einen Missgriff handeln. Das weiß man immer erst hinterher. Darum geht es nicht. 

Aber es könnte doch sein, dass der neue Bereichsleiter bei der Übernahme des Postens von seiner Chefin etwas ins Öhrchen geflüstert bekommen hat: „Hören sie ´mal zu, Herr Beischein. Aus ihnen soll doch noch ´was werden. In den nächsten 2 Jahren will ich ´was Beeindruckendes sehen. Nicht nur das brave Abarbeiten von Kundenaufträgen nach Schema F. Sondern… ein neues Geschäftsmodell für unsere Business Unit!“

Davon würde Herr Beischein wohl kaum ohne Weiteres in seiner neuen Abteilung berichten. Vielleicht löst das Ängste aus? Vielleicht bei ihm selbst? Vielleicht fragt er sich, ob er das wohl schaffen kann? Oder ob er damit seine Leute gleich zu Beginn des neuen Jahres abhängt? Oder überlegt er sich, ob er nicht vielleicht ein wenig Wind macht. Damit er die flüsternde Chefin schlicht überlebt. Weil sie ohnehin kurz vor der Rente steht…

Solche Zusammenhänge sind etwa für Strategieentwicklung entscheidend. Nicht, dass man sie vertraulichkeitsverletzend öffentlich ausstellt. Es gar jemandem erzählt, den das nichts angeht. Oder der Manager von sich glaubt, er müsse „aufrichtig“ sein und sich alles von der Seele reden. Sondern in dem Sinne, dass eine Strategie, ein Zukunftsbild auf solide Füße kommt. Und auch etwas aushalten kann. Dann muss alles mitgedacht sein.

Nun müssen Sie es nicht alles gleich aufschreiben. Aber es muss mitgedacht, „mitgewusst“ sein.

Wie man Dinge mitwissen kann ohne sie direkt anzusprechen, ist für so manchen eine Kunst. Andere haben dafür ein gutes Gefühl. Da muss man sich situationsbedingt ein wenig umschauen. Nehmen Sie diesen Post zur Hilfe und suchen Sie nach Verbündeten. Rotten Sie sich zusammen, um informell vor einem Workshop ein Gefühl für das „Warum“ zu entwickeln. Suchen Sie nach den Personen, die das Gras wachsen hören (Tipp: die unschuldig dreinblickenden, sog. „Assistenzen“).

Es ist jedenfalls ratsam, immer auch die Frage des „Warum“ hinter einer Aussage zu klären.

Wenn also demnächst jemand meint, er wolle von seinen Mitarbeitern „Kundenverantwortung“ haben…. dann haken Sie zumindest für sich mental ein: „Das ist ja schön, aber warum? Sind der Grund Ängste? Ist es eine unreife Idee, die er noch nicht bekanntgeben will? Ist es die Hoffnung, ein Problem zu lösen, welches er noch nicht genannt hat? Geht jemand bald in Rente?“

Was auch immer – man darf sich mit der Oberfläche der Auskunft nicht zufrieden geben. Weil das nicht mehr reicht. 

Bis übernächste Woche!

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