Team löst, Gremium entscheidet

15. Januar 2016 - Ralf Hildebrandt

Januar und Februar sind die Monate für strategische Meetings, Sitzungen von Management-Teams, Projekt-Kickoffs. Man könnte zumindest den Eindruck gewinnen. Im allgemeinen werden solche Versammlungen unter dem Begriff Meeting subsumiert. Es lohnt sich auch hier, zumindest gedanklich zu unterscheiden. Irgendwie ist es in Vergessenheit geraten, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen einer Team- und einer Gremiensitzung gibt. Aber der Reihe nach.

Die Kultur eines Unternehmens hat eine sichtbare Vorderbühne und eine unsichtbare Hinterbühne. Die Vorderbühne besteht aus dem Verhalten der Mitarbeiter. Das ist das, was man direkt beobachten kann.
Bei niedriger Dynamik wird Verhalten geregelt und Einhaltung gefordert (Disziplin!). Kein Problem damit, das Band muss laufen. Sonst kommen hinten keine Autos ´raus. 

Bei hoher Dynamik allerdings, muss auch ohne Regeln gehandelt werden. Es kann schließlich keine solche für Unvorhergesehenes geben. Autonomes Handeln braucht Entscheidungen. Diese können nur auf Basis eigener Werte getroffen werden. 
Die Hinterbühne wirkt durch unsichtbare Werte – dort gibt es eine „Wertekultur“. 

Moderne Unternehmen unterscheiden sich heute dadurch, dass ihre Hinterbühne das Dominante ist. Geworden ist. Für den externen Beobachter heißt das, wenn man sich nur mit der Vorderbühne beschäftigt und sich umschaut, was die Leute machen oder machen sollen, dann bekommt man das Entscheidende nicht mehr mit.

Wenn die Hinterbühne dominiert, wie ist Organisationsentwicklung dann zu verstehen?
Man kann ja nicht auf jemanden zugehen und vorschlagen, das man das jetzt ´mal anders anpacken muss. Schließlich wird auf der Hinterbühne ja gar nichts „gemacht“. Dort werden ausschließlich Gefühle prozessiert. Hier geht es zum Beispiel darum, welche neue Idee Achtung oder Missachtung erfährt (das ist fast immer unergründlich), oder ob man es mit Vertrauen oder Misstrauen zu tun hat – warum auch immer das so ist.

Photo of business partners hands applauding at meeting

Das sind Gefühle, die einfach da sind und ein bestimmtes Verhalten angenehm oder unangenehm machen. Das hat nun gar nichts mit Gefühlsduselei und Anfassen zu tun. Das sind bei Dynamik die Hard Facts, die darüber bestimmen, ob man aus einem unangenehmen Kundenbesuch voller Beschwerden und Klagen mit einem neuen Auftrag geht, oder in Tränen zerfließt. Welche Gefühle man da entwickeln kann (Angst? Mut?), kann man nicht vorbestimmen wollen. Im Allgemeinen ist aber bekannt, wer am besten die in einer solchen Situation geeigneten „Gefühle“ zur Verfügung stellen kann. Der geht dann auch hin. 

Und die Hinterbühne ist selbstorganisiert. Dort findet das statt, was nicht aus dem Orgchart oder dem Prozesshandbuch zu entnehmen ist. Selbstorganisation wird nur durch Persönlichkeiten beeinflusst. Durch jemanden, der mit seinen Werten, mit seinen Gefühlen ansteckend ist und in dem Sinne Einfluss auf die Hinterbühne nimmt – wir nennen diese Leute Führungstalente. Meist sind sich diese „weißen Elefanten“ ihrer Funktion nicht bewusst – sie haben keine Macht. 

Moderne Organisationsentwicklung ist immer der Effekt der Wirkung von Talenten. Es geht immer um die Frage: Wer? Wer ist ansteckend für andere und welchen Effekt hat das? Da man es dann nur mit Werten und Gefühlen zu tun hat, kann man das auch nicht beschreiben wollen. Man muss es nehmen, wie es ist. 

Auch ein Team lebt von seiner Hinterbühne. Ein Team benötigt zunächst ein gemeinsames Problem. Eine gemeinsame Herausforderung. Aber das ist ja nicht von vorneherein klar. Man trifft sich zur ersten Sitzung. In einer Teamsitzung ist es relativ egal, was da gemacht wird. Ob es eine Rednerliste gibt oder nicht, ob man dazwischenquatscht oder nicht.
Entscheidend ist, ob die Teilnehmer ein Interesse aneinander haben. Interessiert mich das, was mein Kollege sagt? Nein? Dann Laptop auf und Mails bearbeiten. Dieses Interesse wird gestiftet vom Projektleiter (Teamleiter). Man könnte sie oder ihn auch den Kulturstifter nennen. Sie kann zeigen, wie man sich für die Meinung eines anderen interessiert und was man dann alles anstellen kann, wenn man das getan hat. Und wenn das so gezeigt wird (ein typisches Talent), dass es für andere ansteckend wird oder ist, dann entsteht ein Team. Und die Laptops bleiben natürlich zu – es ist schließlich interessant.
Jedes Team, das so gebildet wird, ist anders. Denn das Team ist immer ein Effekt der Leute, die zusammenkommen. Keinesfalls eines Teambuilding-Events. Wenn ich in einem Team jemanden auswechsele, ändert sich der Charakter des Teams (des Sozialsystems). Jeder merkt den Unterschied.

Bei einem Gremium ist das nicht der Fall. Ein Gremium ist das Gegenstück zum Team, wenn man so will. Ein Team löst ein Problem, ein Gremium liefert Entscheidungen. Ein Gremium lebt von der Vorderbühne. Deshalb gibt es sich eine Geschäftsordnung, die alles regelt. Wenn ich im Gremium beobachte, was gemacht wird, sieht man auch alles, was es da gibt. Natürlich gibt es auch eine Hinterbühne. Aber der Trick beim Gremium ist, dass diese Hinterbühne ignoriert werden kann. Wichtig ist, dass dort entschieden wird, und zwar mehrheitlich. Was die Einzelnen von dieser Entscheidung halten (Werte!), muss unwichtig sein. Die Hinterbühne, die Gefühle, die dabei entstehen, wenn eine Entscheidung gefällt wird, dürfen sich in einem Gremium nicht auswirken.

Beim Team ist es genau umgekehrt. Dort muss man so lange diskutieren, bis ein „Wir“ entstanden ist. Das ist Gefühl pur. Das kann man mit Argumenten alleine nicht erreichen.
Die Bildung eines Teams ist natürlich wesentlich aufwendiger als die Zusammensetzung eines Gremiums. Aber was soll man machen, wenn man eines benötigt?
Ein Gremium ist ein repräsentatives Organ, da kommen einfach die zusammen, die außerhalb des Gremiums etwas zu verantworten haben und das dann im Gremium repräsentieren. Da muss man nicht viel nachdenken, wer da dazugehören könnte. Das ergibt sich mehr oder weniger zwangsläufig. Das ist quasi die Abbildung des Organigramms.

Wenn es in den nächsten Wochen an dieser Stelle eine kleine Anleitung für das Sitzungshandwerk gibt, erinnert sich vielleicht der eine oder andere Leser an diese kleine Einführung. Wir können das natürlich auch verlinken, das ist auch wieder wahr.

Vielen Dank und bis nächste Woche!

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