Kann man Leadership lernen?

22. Juli 2022 - Ralf Hildebrandt

Es kommt darauf an, was mit Leadership gemeint ist, liebe Leserinnen, werte Leser.

Wenn damit Führung gemeint ist, dann ist die Frage, wovon die unterschieden wird, wenn darüber nachgedacht werden soll, was damit gemeint sein könnte. Wenn Führung nicht von besserer (Führung) sondern von Steuerung unterschieden wird, wie das hier im Blog schon häufiger der Fall war, dann kann man Leadership nicht lernen. Falls es vor allem aufs Steuern ankommt, muss das kein Manko sein, eine Managerin, die einen Konzern vor allem zu steuern hat, muss nicht unbedingt Führungstalent besitzen. Nicht jeder Vogel kann fliegen und nicht jede Managerin, die steuern kann, kann auch führen – da könnte sie so viele Führungsseminare besuchen, wie sie will. 

Üblicherweise wird allerdings vom Gegenteil ausgegangen, da wird nicht lange unterschieden (um nachzudenken), sondern flugs gehandelt. Und ohne Unterscheidung von Steuerung kann jeder Manager (bessere) Führung lernen, Managerinnen sowieso. Es gibt Seminare für kollegiale Führung, humane Führung, Führung von Mitarbeitern, Führung durch Motivation, sogar für Selbstführung und neuerdings auch welche für Führung mithilfe künstlicher Intelligenz. Auch hier kommt es natürlich wieder darauf an, was genau in welchem Seminar tatsächlich geboten wird – Führung im Sinne der Unterscheidung von Steuerung kann es nicht sein.  

Steuerung und Führung sind die beiden (wesentlichen) Aspekte modernen Managements. Wer steuern will, braucht Macht bzw. eine Struktur, in der Anweisungen auch dann ausgeführt werden, wenn die Zustimmung fehlt. In Organisationen ist das nur dann ein Vorteil, wenn der Mächtige einen Wissensvorsprung besitzt. Durch steuernde Anweisung wird dieser Wissensvorsprung nutzbar. Die Angewiesenen selbst brauchen weniger eigenes Wissen – das spart Kosten. Solange also ein Wissensvorsprung gehalten werden kann, ist Steuerung ein intelligentes Organisationsprinzip. Führung hingegen basiert auf Ansehen, dessen Gabe Sache der Geführten ist (siehe den Blogpost von vorletzter Woche). Wer oft um Rat gefragt wird, führt. Macht macht Ratgebung schwieriger, weil Ratsuchende den Rat eines Mächtigen nur mit hohem Risiko ablehnen, falls überhaupt – er würde wie eine Anweisung wirken. Kurzum:

  • Wissen und damit Steuerung kann erlernt werden, von Lehrern, aus Büchern, durch Vorträge oder eben in Seminaren.
  • Ansehen und damit Führung ist ein sozialer Reflex auf talentbasiertes Können und kann nicht erlernt werden. Talent kann man nur entdecken und dann durch Üben fördern. 

Um zu Üben braucht es echte Probleme, deren Lösung unbekannt ist. In Seminaren gibt es meist nur künstliche Probleme, für welche die Lösung schon bekannt ist. Die Bearbeitung tatsächlicher Probleme wäre nur möglich, wenn das Problem von allen anwesenden Teilnehmern geteilt werden könnte. Dann wäre das Seminar allerdings ein Projekt. Projekte (so, wie sie hier gemeint sind) entstehen immer auf Initiative eines Führungstalents. Führungstalente provozieren andere (Talente) zum Mitmachen, indem sie passende Probleme zeigen. Steht einer Managerin Führungstalent zur Verfügung, wären Seminare wie „Flugunterricht für Vögel“ (Nassim Nicholas Taleb). Steht es nicht zur Verfügung, weil es sich beim Führungsvogel um einen Strauß handelt, helfen auch Führungsseminare nicht.

Bis übernächste Woche!

 

 

 

 

 

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